Entwicklung und Erziehung

Neben Alltagsgeschichten, Fotos, Berichten von Ausflügen und neuen Entdeckungen gibt es auch ganz pups-normale Entwicklungsschritte der Kinder und pups-normale Alltagssorgen, über die ich heute mal schreiben will.

Falls ihr euch nämlich fragt, ob ich auch irgendwann mal nicht so gut drauf bin: Ja! –
Vielleicht liegt’s am Alter der Kinder und ich hätte diese Sorgen in Berlin auch gehabt?
Ich weiß es nicht. Aber zur Zeit gibt es Momente, in denen ich die Kinder an die Wand klatschen (Hallo Jugendamt: Natürlich nicht wirklich!) und durchschütteln könnte….

Meine Theorie ist, dass die Jungs ihre zwei Monate zum Ankommen gebraucht haben – und die sind jetzt um. Zuerst hatten wir ja noch Besuch und das war toll für die Kinder. Endlich Abwechslung, endlich deutsche Freunde, endlich Leben in der Bude.
Jetzt ist der Besuch weg. Und der Alltag hat uns hart erwischt.

Schon nach den ersten Wochen hier fiel mir auf, wie sehr die Kinder den Garten und einiges Spielzeug vermissen. Duplo, mit dem man stundelang bauen kann. Die Holzeisenbahn, Bausteine. Und Platz vor der Tür, um zu rennen, zu matschen und zu schaukeln. Wir besorgten Bücher, Mal-Zeug, Autos und Bälle… Und ich finde trotzdem, dass sie sich nicht so gut alleine und in Frieden beschäftigen können, wie zuhause. Liam kann das noch eher. Er sitzt gern draussen und sammelt Blätter, singt, sieht den Autos zu und so eben. Das konnte Emilian in dem Alter auch. Aber Emilian ist jetzt groß und kennt die Möglichkeiten, die es gäbe, wenn es sie mal nicht gibt. Und dann hängen sie aneinander und können nicht mit und nicht ohne. Was der eine hat, will der andere auch.. wir haben nicht jedes Spielzeug doppelt.

Wir haben nicht viel Spielzeug. Amerikanische Kinder würden wahrscheinlich sagen, wir hätten nichts. Aber Langeweile müssten meine Kinder nicht haben. Ein Stock und ein Ball reicht ihnen manchmal. Es gibt hier ein „Second Hand Shop“ in der Gemeinde. Man kann dort sowohl Zeug abgeben, als auch kaufen. Alles, Kleidung, Spielzeug, Bücher, Küchenutensilien. Das Angebot wechselt fast täglich, weil der Laden sehr beliebt ist. Emilian wühlt gern in den Kisten. Heute waren wir da und die Kinder haben sich ein paar Bücher, einen Kreisel und ein Auto für $2 gekauft… Meine Güte. Ich gucke nach Schuhen und Kinderklamotten und Liams Kinderbett haben wir auch dort bekommen. Wenn wir zurück nach Berlin gehen, werden wir unser Zeug dort wieder abgeben…

Gestern waren wir mit ein paar anderen Familien bei Freunden aus der Kirche. Im Haus gab es ein Spielzimmer –  und dort gab es alles. Es war nicht zu voll, aber es gab schon irgendwie von allem etwas. Viel Spielzeug mit Licht und Geräusch, das ist hier ganz beliebt. Liam fing sofort an, in der Kinderküche zu kochen und mir Essen zu bringen. Emilian lief von Schrank zu Schrank und von Tisch zu Regal.. und dann sagte er ganz traurig und überfordert zu mir: „Mama, ich weiß gar nicht, womit ich zuerst spielen soll!“
Das fand ich schon krass. Ich könnte mir vorstellen, dass er die „Leere“ hier bei uns genießt, aber warum weiß er dann nichts mit sich anzufangen?

Wir sind entweder bis Papa kommt im Haus und auf dem Spielplatz/am Pool – oder wir bringen Papa zur Arbeit und haben dann das Auto für Unternehmungen.
Gestern und heute haben wir Papa zur Arbeit gebracht, weil ich am Nachmittag das Auto brauchte. Nachdem mein Mann im Büro verschwunden war, kaufte ich mir einen guten Kaffee und ging mit den Kindern auf den Spielplatz, den sie lieben. Danach waren wir in dem Second-Hand-Laden, verabredeten uns mit Papa zum Mittag und fuhren nachhause. Das war gut.
Wenn wir draussen sind, geht es den Kindern gut. Wenn ich das Auto habe, ist das toll – aber es ist anstrengend, denn wir fahren viel, müssen oft vor dem Aufstehen los und sind zu viert von einem Auto abhängig. (Blöd, ich weiß!)

Wenn ich so darüber nachdenke, sind das schon echte Luxus-Sorgen, die ich hier habe.
Ich möchte mich auch nicht beschweren. Ich liebe die Umgebung hier! Es ist unglaublich, dass wir zu jeder Zeit mehrere Spielplätze und einen großen Pool zu Fuß erreichen können. Dass die Sonne einfach immer, immer, immer scheint, ist ein Traum!
Mein Problem ist: Ich möchte vieles gleichzeitig machen. Ich möchte mit den Kindern auf dem Spielplatz sein und lesen. Ich möchte Bücher vorlesen und gleichzeitig was im Haushalt schaffen. Ich möchte mit den Kindern sein und Zeit für Wäsche haben. Und ich vermute, das ist wirklich ein Problem. (Abgesehen davon, dass es sowieso gesünder und effektiver ist, sich voll auf eine Sache zu konzentrieren.) Aber ich bin wirlich gut darin, mehrere Sachen gleichzeitig zu machen!

Wie gesagt: Die Kinder sind angekommen. Sie kennen unser Haus, die Strasse, die Umgebung, die Kirche, das Gelände da und ein paar Freunde. Sie werden sicherer – und auch älter.

Liam ist 2 Jahre und 5 Monate alt und hat es faustdick hinter den Ohren. Noch immer ist er es, der uns mit nur einem Blick zum Lachen bringt. Aber die Trotzphase ist am Start und so gibt es ein mit-dem-Fuß-auf-den-Boden-stampfen, er wirft sich bäuchlings hin, egal, wo er ist und er kann schreien!
Das Stampfen ist okay. Das habe ich Emilian sogar vor kurzem beigebracht, wenn er Wut loswerden musste. Dass Liam es nachmacht, war ja irgendwie klar. Bei ihm sieht es noch süß aus. Das auf-den-Bauch-schmeißen ist auch okay. Es gibt hier keine Pfützen und kaum Hundehaufen.. und es dauert nie lange. Das Schreien… nervt mich. Es tut mir in den Ohren weh, im Herzen und es macht mich wahnsinnig. Eine meiner Schwestern hatte das auch drauf und ich erinnere mich, dass es ihre Art war, sich zu wehren. (Kinder, wie die Zeit vergeht!) Und so ist es mit Liam. Er ist der Kleine, er redet kaum und ziemlich undeutlich, Emilian kann (und will) ihn nicht verstehen – also quietscht Liam. Und dann ist es meine Aufgabe, für Ruhe zu sorgen und von vier unschuldigen Augen die zwei Schuldigen zu finden.
Liam sagt auch mal ordentlich „Nein!“, wenn ihm danach ist. Bei Emilian gab. es. das. nicht! Liam weiß, was er will. Mit ein bißchen Nachdruck, Lautstärke und Erziehung geht es aber wunderbar und diese Phase gilt es jetzt auszuhalten und zu überstehen. Weder soll er sich mehr Freiheiten bei Emilian abgucken, noch soll Emilian sich das Trotzen bei Liam abgucken. Sachen gbt’s…

Emilian ist jetzt 4 Jahre und 5 Monate alt und er kann schüchtern und frech, mutig und weinerlich, ängstlich und übermütig sein. Normal eben. Ich freue mich riesig über die Fortschritte, die er macht. Manchmal schießt er über sich hinaus und geht mutig auf andere zu. Manchmal fragt er mich Dinge, über die ich noch nicht einmal nachgedacht habe. Er denkt oft über den Tod oder das Sterben nach und fragt dann. Aber mithilfe einer tollen Kinderbibel können wir ihm antworten und ich bin dankabr für seinen tiefes, kindliches Vertrauen. Beim Essen betete er letztens: „…und Danke, Gott, dass alle in den Himmel können und keine Angst haben müssen und Danke, dass du uns geschenkt hast, dass wir schon weg sind, wenn die Haut abgeht…“
Er hat einen feinen Humor und ich liebe sein Kichern, wenn er Quatsch erzählt oder über einen Witz lacht. Er hat ’ne wilde Phantasie, was oft dazu führt, dass ihm das Einschlafen schwer fällt. („Mama, ich träume, dass Meerschweinchen an mir knabbern.“)

Heute hat er so getan, als würde er Papa ins Bett bringen. Und sehr süß und fast wortwörtlich hat er ihm die Geschichte von David, dem Hirtenjungen „vorgelesen“. Diese „Zeit zu zweit“ tut ihm gut. Er sagt mir oft, wie lieb er mich hat und er hängt an mir. So habe auch ich eine enge Herzensbindung zu ihm. Wahrscheinlich kann er mich deswegen auch so wütend machen. Ich verstehe nicht, warum er das macht, was er macht. Mit ihm rede ich viel über Regeln.. in der Familie, in der Kirche. Über Höflichkeit und Verhalten. (Ich lese gerade ein Buch dazu und möchte es bald, Kapitel für Kapitel, hier im Blog weitergeben.)
Ich bitte ihn, dankbar zu sein, für das, was er hat – und nicht auf das zu gucken, was er nicht hat.
Ewiges Reden, selbst wir müssen das lernen. Aber wir können ja klein anfangen. Bei Emilian ist es Spielzeug im Laden, Filme, die zuende sind, Süßigkeiten.. Wahrscheinlich die Phase nach der Trotzphase: Auf-das-harte-Leben-vorbereitet-werden-Phase.
Und er kann auch bocken und schreien und trotzen. Nur anders. Erwachsener.
Ich ermutige ihn, Wut rauszulassen.

Er versteht, dass er ein Vorbild für Liam ist und ihm viel beibringen kann. Das macht ihn sehr stolz und Liam ist ein Musterschüler. Er guckt sich aber nicht nur die lobenswerten Eigenschaften ab. Und der große Emilian muss um seinen Platz kämpfen, dem sich der kleine Liam mit riesen Schritten nähert. Das ist interessant – und äußerst herausfordernd. Für mich.

Brüder

Ich kann mir vorstellen, dass mich all‘ das zuhause nicht so stören würde. Da hätten wir Platz und die Nachbarn wären deutlich weiter weg. Hier leben wir enger zusammen und die Nachbarn sind überall. Und das setzt mich unter Druck. Die Wohnung gehört nicht uns. Wir haben keine Lust, Möbel, Wandfarbe, Boden oder Deko-Artikel zu erstatten. (Die ersten Kratzer gibt es natürlich schon)
Ich bin hin- und hergerissen zwischen: „Hallo? Es sind Kinder. Lass sie!“ und „Boah, reißt euch zusammen. Geh da weg. Fass das nicht an. Sei ein bißchen leiser.“
Und es tut mir leid, dass ich die Freiheit für meine Kinder (noch) nicht habe.

 

Damit war ich heute am Ende meiner Kraft. Wir waren mit einem Freund und seinen Töchtern am Pool verabredet, aber ich habe kurz entschlossen meine Männer dort rausgeschmissen und bin einkaufen gefahren. Alleine. Das war sehr gut!

Traum in rosa

Sowas fehlt mir hier. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt allein mit meinem Mann unterwegs war…

Am Abend mache ich jetzt wieder „Shred“ und das tut gut. Es tut übrigens auch gut, dass alles mal aufzuschreiben. Morgen werden wir das Auto nicht haben und wir werden in aller Ruhe auf den Spielplatz gehen.

Ich werde ab September an zwei Vormittagen einen Termin haben, die Kinder werden dann in der Kinderbetreuung sein. Emilian braucht das und es wird auch für sein Englisch eine gute Hilfe sein. Und ich brauche das auch. Ausserdem werden wir im September und Oktober fast immer Besuch haben. Darauf freuen wir uns!

 

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