Schnee und Eis

Meine Eltern lieben Schlittschuh laufen.
Wir vier Kinder auch. Behaupte ich mal.
Das gehört einfach irgendwie zu unserem Leben dazu. Wir sind jetzt keine Profis (doch, Papa schon!), aber es macht Spaß. Wir sind nahe der Havel großgeworden und die sogenannten Havelwiesen sind flach und frieren schnell zu. Ich habe meinen Vater gefragt, wann ich als Kind so das erste Mal auf gefrorenem Wasser unterwegs war. Da sagte er: „Na, mit einem dreiviertel Jahr.“ Ich bin im April geboren und im nächsten Winter, Kinderwagen auf’s Eis und los…

Als wir Kinder größer wurden, luden wir dann unsere Freunde und ganze Familien ein, machten Lagerfeuer auf dem Eis und verbrachten oft das ganze Wochenende da.
(Zum Schlafen sind wir schon nachhause gefahren…)
Mir ist aufgefallen, dass ich dieses ganze Eis-Feeling seit einigen Jahren völlig verloren habe. Einerseits steht mein Mann nicht so auf diesen Sport und andererseits kennt man in Berlin nur dieses „Ich-fahre-mit-allen-anderen-Berlinern-im-Kreis-rum“-Eislaufen. Nicht so cool, wenn man die Weite und Ruhe und Faszination der Natur kennt. So viel dazu.

Ich bin also schon lange nicht mehr in dieser Natur auf Eis unterwegs gewesen. Also achte ich auch nicht darauf, wie lange die Temperatur schon unter 0°C war und wann es wieder losgeht. Meine Eltern schon. Genau wie beim Surfen und Rad fahren, juckt es meinen Vater dann in den Fingern in den Beinen und er muss raus. In den letzten Tagen war er also schon unterwegs. Zusammen mit Mama und mit Freunden drehen sie dann ihre Runden und schieben sich mit Schlitten oder einem Schneefeger „Spuren“ ohne Schnee und ab geht’s. Heißer Tee und Schokolade muss mit – mehr braucht man nicht.

Mama schrieb immer schon mal: „Marit, du musst mal mit den Jungs mitkommen. Die Sonne scheint, es ist so schön auf dem Eis!“

Ich hatte schon Lust, mal wieder auf Schlittschuhen zu laufen, mich auszupowern und einfach Platz und Ruhe zu haben. Aber mit zwei kleinen Kindern? Die dann frieren und jammern und sich nicht bewegen? Man kann sich nicht aufwärmen, was ist, wenn die Windel voll ist??? Nee, darauf hatte ich keine Lust und ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, wie das werden soll.

Gestern war ich mit meinen früheren Kolleginnen verabredet. Mit meinen Eltern hatte ich ausgemacht, dass ich mich nach dem Treffen bei ihnen melden würde, ob ich käme oder nicht – mein Vater plante, in jedem Fall auf’s Eis zu gehen. Gegen 14:00 Uhr war das Treffen vorbei und ich musste eine Entscheidung treffen. Die Sonne schien so schön, dass es mir fast verboten vorkam, den Samstag Nachmittag im Haus zu verbringen. Ausserdem lieben die beiden Jungs ihren Opa über alles. Es war auch gar nicht mehr sooo kalt. Aber ich konnte mir immernoch nicht vorstellen, mit den beiden Jungs da in die Natur zu fahren.

Aber ich machte es!
Ich hatte am Morgen noch schnell für den Notfall feste Schuhe und eine Jacke für mich und Schneeanzüge, Mützen und Handschuhe für die Jungs eingepackt. Ich war genau zwischen unserem Haus und den Havelwiesen, also fuhr ich nicht nachhause, sondern zu Papa. Die Kinder schliefen im Auto und ruhten sich schön aus. Ich fand einen Parkplatz direkt am Wasser am Eis, weckte die Jungs, zog uns dick an und dann entdeckte uns Papa und kam in Schlittschuhen zum Auto gestakt. Ich genoß die glitzernde Sonne im Wald, die Jungs wunderten sich über Opas Schuhe und wir zogen los. Emilian klammerte sich ängstlich an mich, wie ich es erwartet hatte und als es vom Land aufs Eis ging, blieb er stehen. Ich bin mir nicht sicher, ob er das mit dem gefrorenen See verstanden hat. Er kennt die gefluteten Wiesen noch nicht im Sommer. Und vom Einbrechen und so habe ich erst gar nichts erzählt. Als er dann aber richtig wach und angekommen war, gab es kein Halten mehr. Er flitzte und flitzte, schlitterte, plapperte und gackerte. Liam war etwas ruhiger, aber auch er genoß die Schlittenfahrten mit Opa. Mit einer kleinen roten Nase saß er auf dem Schlitten und ließ sich ziehen. Mein Onkel war dabei, er zog Emilian und ich – ohne Schlittschuhe – trabte und rannte so hinterher und machte Fotos. Es war kaum glatt, weil viel Schnee lag und so war es für die Kinder nicht unheimlich. Wir ließen unsere Taschen mit Essen, Trinken und ähm, meinen Wertsachen einfach irgendwo im Schilf liegen und zogen los. Unvorstellbar. Aber da ist die Welt noch in Ordnung.
Wir trafen eine Familie, die gerade ging, als wir kamen, und ein paar Hockey-Spieler, die gerade kamen, als wir gingen. Sonst niemanden.

Emilian redete und fragte ohne Punkt und Komma.
„Mama, ich wusste gar nicht, dass Ski fahren geht!“
(Er verwechselte Schlittschuh laufen und Ski fahren)
„Mama, das war ja ein Tag, oder???“
Opa suchte sich „Wohnungen“ mit den Jungs zwischen den Schilfbüscheln, sie naschten Schokolade und Kekse, suchten Spuren im Eis, niemand brauchte eine frische Windel oder eine Toilette und wir hatten tatsächlich einen wunderbaren Nachmittag!!!

Als die Sonne untergegangen war, wurde es wirklich kalt. Ich war erstaunt, wie „warm “ die Sonne scheinbar davor schon gewesen sein muss. Das angetaute Eis fror sofort wieder und wir drehten in Richtung Autos um. Auf der allerletzten Schlittenfahrt kippte Liam vom Schlitten und der harte Schnee schnitt ihm in Lippe und Kinn, aber das ertrug er tapfer.

Bei Opa zuhause zogen wir die Kinder aus und trockneten nasse Socken, Hosen und Strumpfhosen an der Heizung. Die Füße waren kühl, aber nicht sehr kalt oder feucht. Liam bekam ein Eis für seine dicke Lippe und so warteten wir gemütlich auf Oma.

Meine Fotos zeige ich euch natürlich, denn ich hatte ja Zeit.
Und ihr seht ein klitzekleines Teilchen unserer Freude 🙂
Genießt es!

     

     

      

   

   

   

Comments

  1. Elsa says:

    Kindheitserinnerungen!

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