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papa. mama. drei jungs. haus und garten. berlin.

Im Flüchtlingsheim

auf 20. September 2015

Nachdem mein Mann mit einem Freund schon mehrmals in einer neuen Notunterkunft in unserem Stadtteil geholfen hat, nahmen die beiden Männer ihre Frauen am Freitag einfach mal mit. Zu fünft, mit noch einer Freundin, verabredeten wir uns um 11:30 Uhr vor dem Heim.

„Das Heim“ ist ein großes, mehrstöckiges Gebäude auf einem Gelände mit noch viel mehr solcher Häuser. Erst eins ist seit ein paar Tagen bezogen, weitere werden folgen. Männer, Frauen und Kinder waren vor dem Haus oder hinter Fenstern zu sehen. Mein Mann begrüßte die Security-Männer mit einem Nicken und führte mich kurz herum. Wir sahen den Speisesaal, der gerade gewischt wurde, wir sahen einen „Kinderraum“, einen Innenhof und kleine Zimmer.

Mich erinnerte all das irgendwie an eine Jugendherberge oder so. Eine Frau kam gerade aus den Duschräumen und lief im Bademantel an uns vorbei. Kleine Kinder flitzten durch die Gänge. Männer rauchten im Innenhof. Hinweisschilder in mindestens vier Sprachen klebten an den Wänden. „Bitte nicht auf die Heizung setzen“, „Achtung, giftige Pilze!“, „Der Doktor kommt um 12:00 Uhr“. Ich dachte bei mir, dass ich sehr gern die arabische Schrift schreiben oder zumindest lesen könnte.

Unten im Keller – und eigentlich in vielen Zimmern oder Ecken – stapelten sich Spendentüten, -kisten und -säcke. Mein Mann und unsere Freundin blieben in der Kleiderkammer, um Spielzeug zu sortieren. Vor der Kleiderkammer warteten ein paar Mütter mit Kindern, um Kleidung zu bekommen. Sie sahen uns kurz an und ich fühlte mich schlecht, als reiche deutsche Frau durch das Haus geführt zu werden – als wollte ich von aussen „nur mal kurz gucken“, was hier so los ist…

Meine Freundin und ich nahmen ein paar Ausmalbilder und Stifte, die wir mitgebracht hatten und gingen ins Kinderzimmer. Das „Kinderzimmer“ ist ein großer, heller Raum mit großen Fensterscheiben und einer Glaswand zum Flur. Drei Mütter saßen am Rand auf Stühlen und ein paar mehr Kinder aller Altersklassen wuselten durch das Zimmer. Wir setzten uns vor die Fenster und breiteten Stifte und Papier auf dem Boden vor uns aus. Mit Winken, Lächeln und Nicken luden wir Kinder ein, zu uns zu kommen.

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Immer wieder fragte ich mich Sachen, wie: „Kann ich dem Mädchen das Bild mit dem Eichhörnchen geben? Weiß sie, was ein Eichhörnchen ist?“ oder „Haben wir ein Bild mit einem Flugzeug? Was ist, wenn die Kinder Angst vor einem Flugzeug haben?“, „Sind diese „heile Welt“-Bilder mit lachenden Kindern nicht ein bißchen unpassend jetzt?“
Ich denke, es ist vielleicht gut, wenn wir dieses Bewusstsein haben und auf die Bedürfnisse und Erfahrungen der Kinder Rücksicht nehmen, keine Luftballons platzen lassen oder kein Kriegsspielzeug anschleppen – jedoch haben sie viel mehr durchmachen müssen, als Tiere auszumalen, die ihnen fremd sind… Einfache, lockere, fröhliche Begegnungen tragen zu einer schnellen Heilung bei.

Auf ein paar Tischen standen viele, viele volle Kisten. Spielzeug, Kuscheltiere, Bücher, Schränke, eine Kinderküche. Auf dem Boden verteilt lagen Spielzeuge, Puzzleteile, Brötchenkrümel oder auch angebissene Brötchen. Ein Zustand, der mir aus unseren Kinderzimmern nicht ganz fremd ist, meinen Sinn für Ordnung aber schnell herausforderte.

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Eine Mama, wahrscheinlich aus Russland oder aus der Ukraine, malte mit ihren beiden Söhnen. Sie waren 5 und 3, das zeigte sie uns mit den Fingern. Auch ein paar Mädchen malten ihre Bilder schnell und sauber aus. Als die Kinder nach einer halben Stunde verschwanden, um Mittag zu essen, fing ich an, aufzuräumen. Ich warf Essensreste und kaputtes Spielzeug in den Müll. Ich sammelte alle Bücher, die ich fand, und legte sie in ein Regal. Ich fand ein paar Kinderschuhe und brachte sie meinem Mann, der sie in die Kleiderkammer legte. Ich räumte und sortierte – wenig erfolgreich.

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Mich erschlug diese Fülle an wirklich alten und kaputten Spenden. Ja, Danke für die Spende.. aber eine Kiste, die 10 Jahre auf dem Dachboden stand, sollte wirklich nicht in diesem Zustand im Heim für Flüchtlinge abgegeben werden.
Kleinteile, wie Puzzle, Memorys, Steckspiele oder kleine Figuren sind wirklich Quatsch und machen sehr viel Arbeit für alle Helfer. Sogar richten sie Schaden an und stehlen Kräfte, die wonaders dringend gebraucht werden. Ein 300-Teile-Bild von einer Katze – echt jetzt? Wisst ihr, wie klein die Puzzleteile von einem Puzzle mit 300 Teilen sind? Und wisst ihr, wie viele unterschiedliche Farben ein Bild von einer Katze, die im Gras sitzt hat? Wenig.
Und warum kann nicht jedes Spielzeug vorher einmal abgewischt und auf Vollständigkeit überprüft werden?
Gutes, sauberes Spielzeug wie Bücher, Malsachen, (nicht zu eklige) Kuscheltiere, Bausteine, Autos… sind eine viel bessere Idee. Immer wieder sahen wir Helfer mit Kisten oder auch Lebensmitteln hereinkommen. Diese Hilfe ist großartig, aber Kisten, die schlecht sortiert oder beschriftet sind, machen eben viel Arbeit.

Eine Mitarbeiterin, die sich kurz mit mir unterhielt, erzählte, dass der Raum in jeder Nacht von Mitarbeitern aufgeräumt wird.. Ein paar Stunden am Vormittag hatten aber gereicht, um aus der Ordnung wieder ein Chaos zu machen. Es sei sehr wichtig, sagte sie, die Mamas und Kinder beim Aufräumen anzuleiten. Ich stimme ihr zu, finde es aber doch schwierig. Da ist die neue Kultur (wird in allen Ländern aufgeräumt?), dann die Erschöpfung, die Trauer, der Verlust, dann der Zustand, dass nichts in diesem Haus wirklich ihnen gehört. Und dann die Sache der Ehre.. tun wir den Mamas Gutes, wenn wir alles vor und hinter ihnen für sie erledigen? Hilft es ihnen nicht viel mehr, zu lernen, was deutsche Mamas den ganzen Tag so machen?

Als wir später mit unseren Malsachen in den Innenhof umzogen, unterhielten wir uns mit zwei Mädchen, wahrscheinlich Studentinnen, die ein großes Seil mitgebracht hatten und mit den Kindern Seilspringen spielten (und nebenbei die deutschen Zahlen lernten). Die Sonne schien und auch im Winter werden die Räume durch die vielen Scheiben schön hell sein. Ein paar lustige Jungs am Nachbartisch lutschten an Zitronen, die sie vorher mit Salz bestreut hatten. Sie konnten ein bißchen englisch mit uns reden.

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Ich sah einen Zettel am Fenster, auf den man seine Emailadresse schreiben konnte, wenn man für Kinderbetreuung eingeteilt werden wollte. Ich trug meinen Namen dazu und überlegte mit meiner Freundin, einmal in der Woche dort ein Kinderprogramm anzubieten.

Die Sprache war eine große Barriere zwischen uns und machte wirklich hilflos. Andererseits ging es eben auch irgendwie so. Und Kinder lernen schnell. Ein schwarzhaariges Mädchen zeigte mir mit einem großen Lächeln und strahlenden Augen, dass sie meine Wachsstifte gern behalten wolle. Ich nickte. Dann zeigte sie mir, wie sehr ihre Hose rutschte und sah mich hilflos an. Wenn ich nicht zum ersten Mal da gewesen wäre, hätte ich sie an die Hand genommen und wäre mit ihr in die Kleiderkammer gegangen, um eine passende Hose zu suchen. Die Schuhe, die sie trug, waren ausserdem viel zu klein.

Weil alles so neu und frisch ist, fehlt es an allen Ecken an Koordination. Grundsätzlich gibt es eine große Hilfsbereitschaft in unserem Stadtteil. Nur, nicht jeder kann und sollte Essen ausgeben, nicht jeder kann und sollte Kleidung sortieren und nicht jeder kann und sollte Deutschkurse anbieten. Email-Listen und Helfertreffen sollen ein bißchen Struktur und Abwechslung bringen.

 

Die Zeit in dieser Notunterkunft war kurz und aufwühlend. Ich fühlte mich fremd und neu, als würde ich in irgendeinen geschützten Raum eindringen. Die Tatsache, dass diese Menschen nicht ganz freiwillig und ohne viele Pläne oder Sprachkenntnisse in Berlin gelandet sind, machte es mir schwerer, ihnen natürlich zu begegnen.
Ich hätte den Mamas gern in die Augen gesehen, ihre Kinder auf den Schoß genommen und mir ihre Geschichten angehört. Ich hätte gern gefragt, was sie brauchen oder wie ich ihnen eine Hilfe sein könnte. Ich weiß, dass mich die persönlichen Schicksale und Erlebnisse der Frauen und Familien sehr berühren würden und ich hoffe, dass ich irgendwann mit einigen von ihnen reden kann.
Eher haben mich alle Aufgaben überfordert, die ich sofort hätte tun können.
Aufräumen, Sortieren, Bilder oder Lern-Poster an die Fenster hängen, Deutsch unterrichten, Spielzeug reinigen, Flure wischen, Betten aufbauen oder was sonst eben so gemacht werden muss.

Die Mitarbeiter laden immer wieder dazu ein, einzelne Menschen enger zu begleiten und zu betreuen. Das klingt nach dem Tropfen auf dem heißen Stein… aber dann ist einer Familie so richtig „geholfen“ und dann kann eine Familie so richtig die deutsche Sprache und Kultur kennenlernen. Immer wieder lese ich jetzt von der Enttäuschung und den Fragen, was denn nun in Deutschland, in Berlin mit den vielen Menschen passieren soll? Monatelang war Deutschland das große Ziel – und jetzt?

Wenn jede Familie oder jede WG aber einen Flüchtling oder ein Geschwisterpaar oder ein Ehepaar aufnimmt, dann kann es an dieser Stelle weiter gehen. Arztbesuche, Behördengänge, Wohnungssuche, Einkaufen, Schule… können wir viel leichter erledigen und abarbeiten – und dabei den Geflüchteten eine große Hilfe sein.
Lucie Marshall hat das gemacht und schreibt immer wieder ganz autenthisch und bewegend in ihrem Blog darüber.
Hier.
Und hier.
Und hier auch.

Es ist bereichernd. Und nachhaltig. Und menschlich. Und einfach.


Eine Antwort für “Im Flüchtlingsheim”

  1. […] und Puzzleteilen. Die Farbe des Teppichs konnte unter den Puzzleteilen kaum noch erkannt werden. (Bitte spendet keine Puzzle mehr!) Kinder waren allerdings nicht im Raum, scheinbar noch auf ihren Zimmern. Zusammen mit der […]

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