Weihnachtsgeschichte

Auf einem Blog habe ich eine Geschichte gefunden, die ich euch zeigen möchte.
Hier ist sie:

 

Zwei Briefe

Sie band gerade eine Schleife um das kleine Päckchen, als sie die Tür ins Schloss fallen hörte. „Wie war dein Heiligabend-Arbeitstag?“ fragte sie mitleidig. Er stand innen an die Tür gelehnt, die Augen geschlossen, die Aktentasche hatte er auf den Boden gleiten lassen.

„Alles okay“, sagte er und versenkte die Nase in ihrem Haar. „Jetzt geht’s mir schon viel besser. Ich kann’s nur einfach nicht mehr ertragen, das Gedudel und Geblinke, die Hektik, die Rennerei. Und wenn ich an heute Abend denke, wird mir geradezu schlecht. Hast du die Geschenke besorgt? Hast du meinen Anzug aufgebügelt? Hast du dir ein neues Cocktailkleid gekauft?“ – „Komm“, sagte sie, „geh‘ erst mal duschen und dann habe ich eine Überraschung für dich.“

Während er sich Ärger und Überdruß abspülte, goss sie zwei Gläser ein und dachte an die ‚Weihnachtstour‘ voriges Jahr: zuerst zu ihren Eltern, wo sie sich mit dem traditionellen Weihnachtsbraten mit Rotkohl und Klößen vollstopfen und sich artig für Krawatte und Nachthemd bedanken mussten. Der Abschied wie immer: beleidigte Mienen …

Das Kontrastprogramm war mindestens so schlimm: die Weihnachtsparty bei Alexanders wohlhabenden Eltern: Small-Talk und Juwelenschau, Gespräche über die letzte Kreuzfahrt und politisches Kontakteknüpfen. Letztes Jahr hatte ihr der Bürgermeister die Hand auf den Hintern gelegt. Sie hatte sich mit einem Glas Sekt revanchiert, gerade auf die richtige Stelle gekippt, zur Abkühlung.

Als Alexander seinen Kopf ins Wohnzimmer steckte, noch in Unterwäsche, klopfte sie auf den Platz neben sich. „Stoßen wir auf einen schönen Abend an.“ Und dann weihte sie ihn ein.

Zwei Stunden später standen sie in Jeans und Pulli in der Suppenküche der Kirchengemeinde. Alexander rührte in einem Riesenkessel mit Gulasch und Adriana baute mit Frau Schlüter den Geschenketisch auf, Päckchen mit rosa Schleifen für Frauen, blau für Männer, alle anderen für jeden passend. Alle Tische waren besetzt und das erwartungsvolle Gemurmel verstummte, als der Pfarrer an seine Suppenschüssel klopfte und sich erhob.

In der Zwischenzeit hatte ein Bote bei Adrianas Eltern einen Brief abgegeben:

Liebe Eltern,

leider können wir heute Abend nicht kommen. Ihr habt doch immer betont, wie traurig es ist, dass Obdachlose und andere arme Menschen kein richtiges Weihnachten haben. Deshalb haben wir uns ganz spontan entschlossen, in der evangelischen Gemeinde bei der Weihnachtsfeier mitzuhelfen. Wenn ihr nicht wisst, wohin mit dem Essen … im zweiten Stock über euch wohnt die einsame Frau Wohlmann und unter euch der Herr, der vor zwei Monaten Witwer geworden ist. Die würden sich bestimmt freuen, wenn ihr sie einladet.
Wir wünschen euch einen entspannten und friedlichen Weihnachtsabend,
Adriana und Alexander

Auch Alexanders Eltern öffneten ein Kuvert und lasen:

Liebe Eltern,

leider können wir heute Abend nicht kommen, weil wir in der evangelischen Gemeinde bei der Weihnachtsfeier mithelfen. Das hat sich spontan so ergeben. Die uns zugedachten Geldgeschenke bitten wir auf das Konto der evangelischen Gemeinde zu überweisen, Stichwort ‚Und Friede auf Erden‘. Vielleicht fragt ihr auch eure Gäste mal, ob sie etwas spenden möchten.

Nachdem Alexander und Adriana beim Spülen und Saubermachen geholfen hatten, gingen sie eng umschlungen nach Hause. Leise rieselnder Schnee hätte jetzt gut gepasst, aber leider regnete es in Strömen. Dennoch fühlten sie sich so zufrieden wie schon lange nicht mehr am Weihnachtsabend.

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