Und Emilian?

Seit ich den letzten Artikel über Liam geschrieben habe, fallen mir noch viele kleine Süßigkeiten ein, die ich so über ihn erzählen könnte. Er verzaubert uns. Er läuft – und wir schmachten. Er mimt – und wir strahlen. Er nutzt es noch nicht, um irgendetwas zu erreichen, er ist einfach so offen mit seinen Gefühlen. Wenn er über ein Bild im Buch oder über ein hüpfendes Eichhörnchen lachen muss, hält er sich erwachsen beide Hände vors Gesicht und kichert in sich hinein. Er hört jedes kleinste Geräusch und streckt dann entweder aufmerkend einen Zeigefinger hoch und lauscht – oder er hebt den Kopf mit einem fragenden „Huh?“ und geht der Sache auf den Grund. Er kann Mama oder Papa so freudig entgegen rennen tapsen, dass ich mich oft frage, ob er diesmal kurz vorher stolpert.

Und heute hat er mich sehr stolz gemacht!
Seit ein paar Tagen haben wir begonnen, Liam beim Wickeln ein Gebärdenzeichen zu zeigen.
(Warum, schreib‘ ich euch später)
Die Zeichen, die er bis jetzt kennt, nutzt er und es ist eine Hilfe.
Das entsprechende Zeichen sieht so aus:

potty-sign

Und wir haben es einfach immer wieder gemacht. Er hat uns komisch angeguckt und weder Verständnis noch Interesse signalisiert. Über jeden Pups freut er sich und wenn er uns irgendetwas, das mit der Windel zu tun hat, zeigen wollte, hat er vorn auf seine Windel gezeigt. Punkt.
Heute spielte er eine ganze Weile oben im Kinderzimmer, kam dann umständlichst mit einem kleinen Feuerwehrauto die Treppen runter, wuselte mit diesem Auto noch ein paar Runden durch Küche und Wohnzimmer und plumpste dann plötzlich auf den Küchenboden und jammerte. Das war kein Aua-Jammern, denn er war nicht hingefallen. Eher war es ein wütendes Ich-will-jetzt sofort…-Jammern. Weil er aber lange allein gespielt hatte, verstand ich dieses Jammern nicht. Er quengelte, Flasche und Nuckel halfen nicht. Dann stellte er sich vor mich hin, sah mich wichtig mit großen Augen an und machte mit der Hand so, als würde man Zucker verkrümeln. Ihr wisst natürlich, was er wollte, weil ich die Geschichte mit dem Zeichen angefangen habe. Aber ICH hatte keine Ahnung. Er verzweifelte, weil ich nicht helfen konnte und fasste dann mit einer Hand an die Windel. Und daaaaa verstand ich. Sofort merkte ich, dass ihm wahrscheinlich ein wunder Po so weh tat. Ich war so stolz, habe ihm immer wieder gesagt, wie toll er das gemacht hätte und habe mich beeilt, ihn zu wickeln. Er hat das Zeichen verstanden und benutzt. Was für ein Fortschritt!

Noch ein Wort zu Liam: Er lacht gern. Das ist ein Kichern, ein heiseres Juchzen, ein Gackern und ein stolperndes Etwas. Er kann so sehr lachen, dass er erstens kaum Luft bekommt und zweitens wir drei anderen auch nur lachend danebensitzen und uns freuen. Heute hat er einen kleinen Fussel auf einer Buchseite hoch-gepustet. Papa hat mit dem Buch gewackelt und den Fussel wieder runterrutschen lassen. Und Liam pustete ihn wieder hoch. Er hat über dieses Spiel so gelacht!

 

Emilian war ja da immer eher ausgeglichen und über diese Ausgeglichenheit bin ich auch jetzt noch dankbar, denn er ist dreieinhalb und wir haben noch keine nennenswerte „Phase“ erlebt, die ich so als allgemein bekannte Trotzphase bewerten würde. Das heißt definitiv nicht, dass er seit dreieinhalb Jahren nur winkt und lächelt, oh nein. Aber jeder Kampf kann mit Logik, mit Belohnung, mit Trost, mit Ablenkung und mit Erpressung überstanden werden, ohne dass einer von uns zusammenbricht.

Dass Emilian gern Reihen legt, mit Duplo baut, dabei Sinn oder Unsinn vor sich hin quatscht, ist bekannt. Ich denke, je älter er wird, desto mehr kann er mit sich und einem Zimmer voller Spielzeug etwas anfangen.
Heute wurde mal wieder Spielzeug getauscht. Alle Autos und alle Holzeisenbahn-Teile verschwanden und die große Duplo-Kiste durfte ins Kinderzimmer einziehen. In wenigen Sekunden wusste ich wieder, warum ich sie vor ein paar Wochen weggeräumt hatte… aber Emilian war glücklich beschäftigt. Er lernt auch die Anwesenheit seines kleinen Bruders immer mehr zu schätzen und oft höre ich die beiden irgendwo spielen und schätze mich glücklich!

Emilian läuft gern, noch lieber aber fährt er Laufrad. Er hört fast immer sehr gut auf uns und hält an jeder Ausfahrt oder Strasse an. Er fährt sicher und schnell und er liebt es, sich von mir und dem Kinderwagen einholen zu lassen.

Bücher sind weiter unser aller großer Schatz! Wir besuchen seit einem Jahr den Bücherbus und staunen über Bücher, die wir dort entdecken. Kassetten und Filme werden langsam interessant, aber Bücher sind noch immer die Nummer 1! Emilian guckt sie sich mit Ausdauer allein an, lässt sich aber auch mit Ausdauer vorlesen. Immer wieder gibt es Buchseiten, die wir zuhalten oder überblättern sollen, aber gut vorgelesen und erklärt, können Bücher ihm nicht so viel anhaben.
Bei Kassetten oder Filmen ist das ja anders und wir genießen sie mit Vorsicht und mit Pädagogik.

Emilian spricht ohne Fehler. Paputt ist vielleicht das einzige Wort. Und Mintuuter heißt Computer.
Er hat spät, aber dann gleich ziemlich gut gesprochen. Er fragt, er hört gern zu, er redet und singt. Fragen, die uns herausfordern, stellt er noch nicht und ich bezweifle, dass ich dann vorbereitet sein werde.

Immer wieder mal frage ich mich, ob ich ehrlich oder kindgerecht erklären soll.
Und ob sich das ausschließen muss.

Seit dem 13. August geht Emilian in den Kindergarten. Und ich muss leider zugeben, dass er sich seit dem verändert. Und nicht nur in die eine Richtung. Irgendwie wusste ich, dass Kinder, die neu in den Kindergarten kommen, gleich erstmal krank werden. Und dass sie lauter werden.
Emilian ist noch nicht krank geworden. Lauter ist er. Ich weiß, dass er Freunde gefunden hat.
Ich weiß, dass er die Erzieher mag und sie ihn. Ich weiß, dass man seine ruhige, beobachtende, ausgeglichene Art dort schätzt. Ich weiß, dass Emilian das Spielzeugangebot, das Essen, die Räume, das Besondere genießt.
Aber manchmal würde ich ihn gern wieder vom Kindergarten abmelden. Dieses „manchmal“ kommt ganz ganz selten und es ist ein „manchmal“, das schnell wieder in irgendeine Ecke geschoben wird. Es geht nicht darum, dass ich mein Baby gern 24 Stunden am Tag betreuen, beaufsichtigen und beobachten würde. Als er an einem Wochentag nicht in den Kindergarten konnte, habe ich schnell gemerkt, welche Freiheiten es jetzt vormittags gibt. Es geht auch nicht darum, dass ich Emilian vor der bösen Welt beschützen möchte. Doch, möchte ich. Aber erstens kann ich es nicht und zweitens würde das nicht gut für ihn sein. Und drittens habe ich es doch dreieinhalb Jahre gedurft.

Seit er im Kindergarten spielt, gibt es kaum einen Tag, an dem das Wort „Pistole“ nicht fällt. Er kennt Wasserpistolen. Und vielleicht „sonst wird dich der Jäger holen, mit dem Schießgewehr“.
Seine Freunde im Kindergarten sind schon fünf. L. und L. bauen so gern mit Duplo. Und es sind liebe Jungs – keine Frage. Liebe Jungs mit lieben Eltern. Aber sie bauen Pistolen und schießen sabbernd durch die Gegend. Warum ist das so?
Dann gibt es Wörter wie „krass“ und  „ekelhaft“, die … ja, die er nicht von uns hat. Eigentlich weiß ich, dass Jungs so sind und so sein dürfen müssen. Wir wollen doch, dass sie mutig, laut und furchtlos sind. Und was hab ich als Kind (als Mädchen) alles gesagt und gespielt?

Mich beschäftigt das. Und dieser Vergleich zu meiner Kindheit tut mir gut und gibt mir Hoffnung.
Ja, ich war weit über 10, als ich zum ersten Mal einen Film gesehen hab, aber mit Sicherheit gab es Bilder oder Wörter in meinem Kopf, die ich mir als Mutter verboten hätte.

Vor ein paar Tagen habe ich Emilian „Max und Moritz“ vorgelesen. Ein Kindheitsklassiker!
Ich war erschüttert! Zuerst stolperte ich über die schweren (aber guten alten) Reime.
Ehrlich oder kindgerecht?
Die Bilder waren (durch meine Kinderaugen) plötzlich auch fürchterlich und die Geschichten???
Die Hühner sterben, der Hund wird verprügelt, der eine ertrinkt fast, wird von Gänsen gerettet und wird von seiner Frau gebügelt. Der nächste explodiert. Einer findet fette Käfer im Bett. Und Max und Moritz… werden verklebt, gebacken und gemahlen. Hallo?
Aber habe ich die Geschichte als Kind geliebt? Ja.
Konnte ich die Reime irgendwann auswendig? Ja.
Hat man mich ernst und behutsam auf dieses Buch vorbereitet? Nein.
Ging es mir schlecht, als ich die Geschichten zum ersten Mal las? Ich weiß es nicht. Nein.

Lest mal ein Kinderbuch mit Kinderaugen und -ohren.
„Als sie sich eine Weile den Kopf zerbrochen hatten…“

Meine Hoffnung ist, dass ein Kinderkopf solche Geschichten … bearbeiten, filtern, aussortieren, umwandeln kann. Wir haben das doch auch geschafft.

Das kleine Wörtchen „geil“ meinte ich gestern auch gehört zu haben.. aber ich habe es kompetent ignoriert. Nicht ausflippen, nichts anmerken lassen. Sollte es als Druckmittel genutzt werden, werde ich es verbieten, denn noch kann ich das, einfach, weil ich es kann. Emilian benutzt schon lange meine Formulierungen. Aber „Das ist doch nicht zu glauben“ oder „Das kann doch nicht wahr sein“ ist nicht schlimm.
Gestern sagte er mir nach einem „Nein“ von mir: „Wenn du immer nein sagst, mach ich dich tot. Dann geh ich zu Oma und Opa, ich will keine Mama mehr haben.“

Ja, das hört sich nicht gut an. Und es tut ein bißchen weh. Ich weiß, dass er sehr gern bei Oma und Opa ist, sich verwöhnen und bespaßen lässt – das ist auch sehr gut so. Und natürlich stört ihn meine Erziehung. Aber das war’s dann auch. Er sagt und zeigt oft genug das Gegenteil. Und mit einer Kitzel-Attacke bin ich ruckzuck wieder die Heldin!

Es ist wunderbar, einen dreieinhalbjährigen Sohn zu haben, der Spaß versteht, der so kreativ und begabt und hilfsbereit und einfühlsam und ehrlich ist.

 

Ich wünsche euch einen sonnigen Feiertag und guckt mal ab und zu auf meine neue Facebook-Seite!
mamasbusiness
Da gibt es Fotos und kleine Lebenszeichen zwischen den Blog-Einträgen von uns.

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