Planänderung

Erfahrene Mütter sagen, mit Kindern muss man flexibel sein und immer ungefähr eine Viertelstunde mehr Zeit einplanen. Sie haben Recht!

Kinder können sich nicht an einen Zeitplan halten, weil sie keinen haben. Und auch, wenn wir ihnen irgendwie ein Zeitgefühl geben könnten, kommt immer was dazwischen. Immer.
Eine volle Windel. Durst. Ein Hund. Ein Käfer. Ein Flugzeug. Ein Müllauto. Ein Ball. Ein Buch.

Wir hatten heute einen ruhigen Morgen. Das Wetter sah nicht so gut aus, aber ich musste bei der Post etwas erledigen und machte uns für einen Spaziergang fertig. Zuerst dauerte es erschreckend lange, mir und zwei Kindern Jacken und Schuhe anzuziehen, die Kinder zu wickeln (möglichst nicht in der Reihenfolge) und loszugehen. Man läuft schon mindestens 20 Minuten. Beide Kinder saßen im Doppelwagen. Emilian aß einen Lolli, den er gestern von Oma bekommen hatte. Planänderung: „Emilian, möchtest du dein Laufrad mitnehmen? – „Jaaaaa!“
Doofe Idee. Er fährt sehr gut und wir kommen wirklich schnell voran, wenn er das Laufrad hat.
Heute nicht.
Wir gingen los, Emilian lieh mir seinen Lolli und fuhr schön schnell und immer dahin (roter Ford, Laterne, Briefkasten), wohin ich ihn schickte. Noch im ersten Viertel wurde er langsamer, stieg ab und wollte nicht mehr fahren. Das ist noch nie passiert und ich hab das auch nicht eingeplant. Er hat aber zur Zeit einen wunden roten Po vom Obst essen – und da macht Laufrad fahren natürlich keinen Spaß. Versteh‘ ich ja. Also Planänderung.
Er wollte nicht laufen und auch nicht sitzen und kniete sich irgendwie in den vorderen Platz vom Doppelwagen. Der Doppelwagen schiebt sich gut, aber nicht auf unebener Strasse und mit zwei Kindern, von denen eins nichtmal ruhig sitzt. Ausserdem war ich jetzt die, die das Laufrad ziehen musste. Mein Plan war, dass Emilian entweder damit fährt oder ich es auf den Wagen legen kann, wenn er nicht will. Dass er aber dann im Wagen sitzen will, war nicht geplant.
Ich zog es also mit der einen Hand und schob den Wagen mit der anderen. Das ging nicht lange, denn das Laufrad wurde mir zu schwer. Planänderung. Liam saß hinten im Wagen, weil ich geglaubt habe, er würde einschlafen – machte er nicht. Ich legte das Laufrad quer auf seinen Schoß und fuhr ein bißchen weiter.
(Wir waren bis dahin nicht wirklich weit gekommen. Nur 350m von 1,5km – sagt Google Maps)
Liam spielt fröhlich mit dem Rad, Emilian war zufrieden – dann kippte das Laufrad und fiel Liam ins Gesicht. Planänderung.
Emilians Windel war sauber, also zog ich das Rad noch bis zum geraderen Bürgersteig und er musste weiter fahren.
Eigentlich wollte ich unterwegs zu dm, um Zahnpasta zu kaufen, aber diesen Umweg wollte ich heute nicht riskieren. Emilian fuhr wieder gut, blieb ab und zu stehen, weil er eine Baustelle beobachten musste, weil ihm jemand entgegen kam, weil er durch eine Pfütze fahren wollte…
Dann endlich waren wir an der Post. Ich konnte den Auftrag nur zur Hälfte erledigen, aber immerhin. Weil es inzwischen ziemlich spät geworden war und ich nicht wollte, dass Liam jetzt noch vor dem Mittag einschlief, machten wir auch auf dem Rückweg keinen Stopp bei dm. Wir fingen mit dem Rückweg an, Emilian fuhr schön, da fiel mir etwas ein. Planänderung: „Emilian, wollen wir auf dem Rückweg am Teltowkanal langfahren?“ – „Jaaaaa!“
Doofe Idee. Er drehte um in Richtung Kanal, es ging bergab, er wurde immer schneller und ich sah ihn schon im Gebüsch liegen. Völlig verwirrt von meinem Rufen hielt er aber sicher an. Als ich sah, wie seine Augen strahlten, rief ich ihn zu mir zurück. Ich wollte, dass er nochmal den schönen Berg runterfahren kann – jetzt, wo ich gesehen hatte, wie ungefährlich der war. Er verstand überhaupt nicht, warum er jetzt umdrehen sollte und es dauerte eine Weile, bis er dann oben – und dann wieder unten war. Als ich ohne viel Nachdenken den Weg am Kanal vorgeschlagen hatte, war mir erstens nicht bewusst, wie eklig und voller schwarzer Pfützen die Strecke war und dass wir zweitens direkt an einem schönen Spielplatz vorbeikommen würden.
Planänderung: „Mama, wollen wir auf den Spielplatz gehen?“
Ein bißchen Zeit war noch… also ja. Laufrad geparkt, beide Kinder in den Sand, die Sonne schien, wir hatten die Spielgeräte für uns, ab und zu fuhr ein Schiff vorbei… Schön.
Ohne Protest folgten dann beide Kinder meinem Ruf zur Weiterfahrt und wir machten uns auf den Weg. Als wir noch lange nicht nahe unseres Hauses – aber schon weit genug weg vom Spielplatz waren, konnte Emilian nicht mehr weiterfahren, weil er eine volle Windel hatte. Argh! Ich wusste, dass ich schnell wicklen musste, damit es ihm nicht zu sehr weh tat – aber es gab keine Bänke und alles war nass. Emilian wollte gern durch alle Pfützen laufen, weil beim Fahren ja die Funktion seiner Gummistiefel nicht genug zur Geltung kommen würde. Planänderung. Weil mir der Po leid tat, zog ich also wieder das blöde, nasse, dreckige Laufrad, jonglierte mit der anderen Hand den Kinderwagen und Liam, der nicht angeschnallt war und gefährlich beweglich war. Als eine fürsorgliche Mama, die meistens keinen Spaß verderben will, krempelte ich Emilians Hosen hoch, weil ich sah, dass sie schon nasse schwarze Ränder unten hatten und dass er sich nicht weit in die Pfützen traute. Wenn schon Gummistiefel, dann richtig.
Ein paar Schritte lang waren wir also alle glücklich, Emilian blieb immer weiter hinter uns und fing an, Steine zu sammeln… Wir sahen ein großes Schiff an uns vorbeifahren, es hatte sogar ein Auto auf der Ladefläche!
Mir wurde das Laufrad zu schwer, ich versuchte, es in den leeren Kinderwagenplatz zu legen und ärgerte mich sofort über schwarze Pfützentropfen auf dem Sitzkissen!
Es musste eine Planänderung her. Ich wusste, dass es irgendwo an diesem Weg Bänke gab. Also trieb ich uns inzwischen nicht mehr ganz freundlich weiter an. Ich sah die rote Bank zwischen all den Blättern leuchten und kurz bevor wir da waren, bog ein uns entgegenkommender älterer Herr ab und setzte sich. Nein!!!
Ich war zu stolz, um mich einfach neben ihn zu setzen und mein Kind zu wickeln. Ausserdem macht Emilian viel Gejammer, wenn der rote Po gewischt wird.. und ich wollte den armen Mann nicht mit Geschrei und Gestank vertreiben. Planänderung.
Ich versprach Emilian, an einer Treppe am Ende des Weges anzuhalten, damit er runter zum Wasser gehen und die Steine reinschmeißen konnte. Ich bat ihn immer wieder, sich zu beeilen und nicht so viele Steine mitzunehmen.
Die nächste Bank war frei, ich wickelte ihn so schnell es ging, denn bis zur Treppe war es immernoch ein ganzes Stück.
Ich beschloß, dass er mit sauberer Windel wieder Laufrad fahren konnte und er fuhr.
Weil ihm der Po wehtat und weil er Steine in der Hand hatte, fuhr er noch langsamer, als er gelaufen war und jammerte immer wieder hinter mir her, ich solle nicht so schnell gehen. Ich nahm ihm die Steine ab, erlaubte ihm, durch die Pfützen zu fahren und wir kamen der Treppe immer näher. Wahrscheinlich erinnerte er sich nicht an die Treppe oder er hatte Angst,
sie zu verpassen: Immer wieder sagte er, ich soll ihm die Treppe unbedingt zeigen.
Dann waren wir endlich da… doch es war kein Platz zum Steine schmeißen. Ein Schiff parkte da. Das mit dem Auto.
Ab und zu halten dort große Schiffe und wir gucken dann eigentlich immer gerne.
Aber heute nicht. Heute wollten wir an der Stelle unsere gesammelten Steine ins Wasser schmeißen.
Planänderung: Ich wartete mit Laufrad und Liam oben an der Treppe, damit Emilian runtergehen konnte, um sich das Schiff anzugucken. Zögernd ging er immer dichter an das wirklich lange Schiff heran und sah einer Frau zu, die das Schiff mit einem Wasserschlauch putzte. Sie sprach ihn an und hätte sich gern mit ihm unterhalten, aber erstens drehte sich Emilian schüchtern weg und zweitens wurde sie lautstark von ihrem Mann zum Weiterarbeiten aufgefordert. Emilian drehte sich zu uns um, sah uns nicht mehr, bekam einen großen Schreck, rief mich und kam die Treppe wieder hoch.
Planänderung: „Emilian, wir gehen hoch zur Brücke, gucken uns das Schiff an und werfen dort die Steine ins Wasser, ja?“
Auf der Brücke beobachteten wir das Schiff mit den beiden Leuten, warfen unsere Steine ins Wasser, sahen noch ein anderes Boot vorbeifahren, auf dem ich erschrocken eine unbekleidete Frau entdeckte, die sich bestimmt unbeobachtet fühlte….. und dann gingen wir nachhause!

Der Mittagsplan wurde noch umgestellt, weil wir weniger Zeit hatten. Aber wir konnten draussen in schönster Sonne essen. Mein Plan, die Kinder gleich danach in den Wagen zu legen, wurde auch zerstört, als Liam die Schaukel entdeckte.

Irgendwann lagen sie dann aber doch im Wagen und waren sofort eingeschlafen!
Ich konnte die Sonne und die Ruhe genießen – ohne Planänderung.

Als der Himmel vor ein paar Minuten immer dunkler wurde und es oben schon grummelte, beeilte ich mich, die Kinderwagen unter den Sonnenschirm zu schieben. Ich war gerade fertig und stand an der Terrassentür, um die Kinder zu beobachten – da ging ein heftiges Gewitter los. Emilian wurde wach und sah mich total erschrocken an. Auch Liam wachte auf und begann zu weinen, als er sah, dass ich mit Emilian im Wohnzimmer verschwand.
Noch im Wagen saßen sie mit mir hinter der Scheibe und wir konnten kaum glauben, wieviel Regen da plötzlich auf unsere Steine platschte. Jetzt sitzen sie beide verschlafen und etwas verstört neben mir und wir hören „Benjamin Blümchen“.

Für heute Nachmittag mache ich erstmal keine Pläne.

 

Comments

  1. Jojo says:

    Das ist nicht schön ein Wunderpopo Mein Kleiner Jakob hat auch immer einen roten Popo und dann schreit er beim Wickeln und zappelt mit den Beinen. Ich Benutze Öltücher mit Schöne Pflege salbe. Im Kindergarten lest er sich nicht Wickeln weiles sehr Wähtut Viele Grüße

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