Erziehungstipp: Unterbrich mich nicht!

Emilian ist jetzt in einem Alter, in dem er mehr als „Sag Bitte und Danke“, „Sag Hallo und Tschüß“ und „Teile dein Spielzeug“ lernen kann. Das sind in der Tat die Dinge, die ich Eltern hier am meisten zu ihren Kindern sagen höre.
Und zwar wirklich so:
Mama: „Sag: Ich möchte mein Spielzeug mit dir teilen.“
Kind: „Ich möchte mein Spielzeug mit dir teilen.“
Ob das Kind das auch so möchte, ist eine andere Sache. Ich mag dieses Vor- und Nachgespreche überhaupt nicht und probiere mit meinen Kindern eher den „Ich-lebe-es-vor-und-hoffe-sie-gucken-es-ab“-Stil.

Egal.
Emilian ist mit fast 5 (Was?? Eben war er noch in meinem Bauch!!) alt genug, um ein paar andere Dinge zu lernen, von denen wir Eltern denken, er könnte sie mal gebrauchen. Gestern erklärte ich ihm, was „Optimismus“ und was „Pessimismus“ ist, dieses Glas halbvoll/Glas halbleer-Ding. Da kam ein sehr cooler Kinderspruch bei raus, auf den ihr aber noch ein bißchen warten müsst…

In den letzten Tagen ging es bei uns darum, einander ausreden zu lassen.

Ich werde nie vergessen, dass ich das vor langer Zeit ein paar Mädels auf einer Hort-Reise erkärte. Als sie die Regeln verstanden hatten, achteten sie aber ordentlich darauf, dass auch jeder so einhielt. Eine von ihnen, die es nicht schaffte, bekam zu hören: „Du hast mir ins Wort gebrochen!“

 

So ähnlich lief es hier. (Auch dazu gibt es einen Kinderspruch, für später)
Emilian hatte das alles schnell verstanden. Nicht nur, weil er uns Eltern gern mal mit allen Mitteln unterbricht, sondern auch, weil er das eben von Liam und auch von uns kennt.

Wenn wir im Auto fahren, können es beide Kinder gar nicht leiden, wenn wir uns vorn unterhalten und scheinbar so tun, als hätten wir die beiden Schätze auf der Rückbank vergessen. Die beiden Schätze werden dann nämlich aktiv. Der kleine Schatz fängt laut an zu singen, oder aber er ruft mehrmals laut „Pupsi!“ in die Runde. (Was das bringen soll, weiß ich auch nicht…) Der große Schatz versucht, unser Gespräch zu verstehen, sich einzumischen, Partei für mich zu ergreifen oder er teilt einfach lautstark seine Meinung mit. Was keinem in der Situation hilft.

Kinder unterbrechen einen.
Manchmal mitten im Leben und manchmal mitten im Satz.
Sie sind laut, sie rufen „Mama! MAMA! MAMAAAA, guck mal!“, sie zerren an einem herum und machen das andere Gespräch, das gerade lief, unmöglich.

Bevor ich Mama wurde, arbeitete ich in einer Schule und hatte täglich mit meiner Klasse und drumherum mit hunderten Kindern zu tun. Im Laufe der Jahre habe ich mir angeeignet, mich wirklich nicht von einem Kind unterbrechen zu lassen. Dazu gehört eine Menge Konzentration, aber wir sind schließlich Multitasking-fähig, richtig?

Als ich noch keine Mutter war, gab es eine Sache, die mich am allermeisten an anderen Müttern genervt hat. Nämlich: Dass Kinder unser Gespräch unterbrechen dürfen.
Es war nicht so, dass wir Freundinnen uns für ein Wochenende verabredeteten und tagelang geredet haben, während die Kinder schweigen mussten. Es ging um kurze Treffen von ein paar Stunden, in denen eben nicht viel Zeit zum Reden ist. Und es war auch nicht so, dass irgendwelche Kinder in der Zeit unseres Gespräches verhungert, verdurstet oder anderweitig zu Schaden gekommen sind. Nein, es geht um die kleinen Dinge:
„Ich muss dir was zeigen.“
„Mama, guck mal, was ich gebaut habe!“
„Mama, guck mal, was ich gebaut habe!“
„Mama, guck mal, was ich gebaut habe!“
„Mama, kannst du mir ein Buch vorlesen?“
„Guck mal, was der hier in dem Buch macht…“

Ihr kennt das. Es nervt.
(Ganz nebenbei, Eltern: Wenn ihr dann zu euren Kindern sagt: „Warte bitte, bis ich fertig bin!“, dann müsst ihr das auch durchziehen. Denn einige Kinder werden schweigen und warten – andere aber werden weiterfragen und betteln. Oh ja, das werden sie. Und sie wissen, ob ihr nachgebt.)
Auch meine Kinder nerven. Natürlich.
Aber ich werde mir und meinen Freundinnen so ein Stop-and-Go nicht antun.
Es gibt natürlich Zeiten, in denen wir und unser Besuch sich ganz unseren Kindern widmet. Die Kinder werden schon dafür sorgen, dass es solche Zeiten gibt! Und deshalb muss es auch Zeiten geben, in denen meine Kinder wissen: Mama und Papa reden. Und ich warte.
Und nun mein Erziehungstipp:

Wenn ich rede (was oft vorkommt), und mein Gegenüber nicht Emilian ist, weiß er, dass ich nicht möchte, dass er mich unterbricht. Wir haben diese Regel vereinbart: Er kann zu mir kommen und mir auf die Schulter tippen. Dann weiß ich, dass er mir etwas zu sagen hat und werde den nächst-möglichen Zeitpunkt nutzen, ihm zuzuhören. Und das tue ich dann auch, sollte sein Anliegen auch noch so… klein sein.

Emilian hampelt oft neben mir herum und tippt mir schneller als Sekundentakt auf die Schulter. Da kommt schon wieder viel Konzentration ins Spiel… Eine andere Idee wäre also, dass ihr mit euren Kindern vereinbart: Sie legen eine Hand auf eure Schulter/euer Bein – und ihr legt eure Hand auf ihre. Das ist ein gutes Zeichen für sie, dass ihr sie bemerkt habt. Und es vermittelt Ruhe und Nähe.
Denkt euch ein andere Zeichen oder „Geheim-Wort“ aus, wenn euch das zu viel Körperkontakt ist.. oder ihr nicht möchtet, dass eure Kind jedem Fremden auf die Schulter tippt, dem es was sagen möchte…

Aber probiert das mal aus! Je früher, desto besser.
Ihr müsst konsequent sein. Die Kleinen werden ihre Probleme damit haben und es vielleicht nur langsam lernen… Aber ihr werdet bewundernde Blicke für gut-erzogene Kinder von euren Gesprächspartnern ernten. Und ihr werdet Menschen in die Welt schicken, die einander ausreden lassen.

 

Brüder-Gespräche

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