Corona 2020 – Woche 1

März 2020

Ich habe beschlossen, Tagebuch zu schreiben.
Jeden Tag.
Weil so eine besondere Zeit festgehalten werden soll, weil ich ein Ziel haben möchte und weil ich ja vielleicht auch Inspiration und gute Laune abgeben kann.

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Donnerstag, 12. März 2020

Ein Virus geht um. Jeder weiß es, aber es berührt und beunruhigt mich noch nicht. Ich verabschiede mich bei meinen Kollegen aus Quatsch mit „Frohe Ostern!“ und wir lachen noch. Als am Abend die Nachricht kommt, dass unsere Gottesdienste im März ausfallen, finde ich das übertrieben.

Freitag, 13. März 2020

Mein freier Tag. Ganz kurzfristig lassen wir unser MOPS Treffen ausfallen. In mir steigt die Verunsicherung. Die Kinder sind in der Schule, der Kleine ist krank zuhause und ab Mittag überschlagen sich die Nachrichten. Gute und schlechte. Die Schulen und Kindergärten in Berlin werden schließen.
Den Kino-Plan für den 8. Geburtstag lassen wir in Absprache mit den Eltern erstmal stehen. Ich treffe mich am Abend wie geplant mit meinen Freundinnen.

Samstag, 14. März 2020

Wir hatten nichts für den Tag geplant. Wie gut. Absagen kommen aus allen, wirklich allen Richtungen für Termine, teilweise bis in den Mai. Wir wissen nicht, ob wir lachen oder uns ärgern sollen. Der Mann ist mit dem Mittleren wandern. Das Internet glüht. Schreckensmeldungen und Witze werden gleich gut verbreitet. Niemand weiß nichts. Meine Schwester und mein Papa sind gut aus Mallorca gelandet. Als am Abend die Meldung kommt, dass auch die Kinos nun schließen, planen wir den Kindergeburtstag spontan für den Garten. Vielleicht ist es die letzte Veranstaltung, die wir feiern. Die Lehrer schreiben erste Info-Mails für den Schulstoff der nächsten Wochen und ich bereite ein bißchen Homeschooling vor. Endlich darf ich. Die Kinder sind gut drauf. Wir haben weder Angst vor dem Virus, noch vor den 5 Wochen. Aufregung kommt nur vom Geburtstagskind.

Sonntag, 15. März 2020

Wir frühstücken Pancakes mit Ei und Erdbeeren im schönsten Sonnenschein. In der Kirche wird der Gottesdienst fürs Internet aufgenommen. Der Mittlere packt Geschenke aus und hat Zeit zum Spielen. Viel Zeit. Wir gammeln durch den Morgen und spielen ein richtig gutes neues Spiel (Werbelink) zusammen. Meine Schwester kommt und um 13:00 Uhr kommen 5 Gastkinder. Wir stellen Desinfektionsmittel und eine Anwesenheitsliste bereit. Die Kinder spielen bewusst viel im Garten. Später schauen wir als Kino-Ersatz zusammen einen Film an. (Werbelink) Es gibt Fingerfood und viel Draußen-Spiel, weil wir nichts vorbereitet hatten und im Kino sein wollten. So ist es auch entspannt. Bei jedem Husten und Niesen bete ich um Schutz für alle – wir sind vorsichtig, wollen uns aber nicht verrückt machen. Gegen 18:00 Uhr werden die Kinder abgeholt und ich vergesse fast, dass wir ja morgen noch Schule haben. Viel zu spät kommen die Kinder ins Bett. Ich backe einen Kuchen für die Klasse des Sohnes. „So haben die Kinder wenigstens ein bißchen Normalität“, sagte mir die Lehrerin, als ich sie wegen des Kuchens fragte.

Montag, 16. März 2020

Ich bringe die Kinder in die Schule. Es ist leer in der Schule und ich sehe erste Kinder mit Masken. Komisch ist das. Auf dem Rückweg gehe ich in den Kindergarten des Kleinen und hole seine Hausschuhe und Wechselsachen. Die Erzieherin erzählt mir, dass sie evtl. zur Notbetreuung in andere Einrichtungen verteilt wird.
Zuhause ist erstmal nicht viel anders. Montags ist mein freier Tag. Ich suche Material zum Homeschoolen und putze 13 Fensterscheiben. Ich lasse mir ein bißchen mehr Zeit für alles und bin sehr glücklich über den Sonnenschein und dass ich demnächst viel Zeit für den Garten haben werde. Ich putze Fensterbretter und stelle mir Blumen raus, die ich umtopfen und einpflanzen möchte. Neue Meldungen kommen fast stündlich. Bei jedem Husten und Halskratzen bin ich kurz nervös – aber was soll’s? Wir warten und machen es uns schön.
Ich hole die Kinder bei Sonne und 15 Grad von der Schule, wir verabschieden uns von den Lehrern und ein bißchen fühlt es sich an, wie der erste Tag der großen Ferien. Naja…
Wir gehen zuhause sofort in den Garten. Lange. Ist das schön! Zusammen schauen wir uns die Unterlagen der Kinder an. Der Zweitklässler hat mehr als der Viertklässler. Aber es ist alles überschaubar, das schaffen wir. Später skypen die Jungs mit ihren Freunden. Wir wollen uns an die Vorgaben halten und uns möglichst wenig verabreden. Wir haben Glück, dass ich nicht arbeiten muss und wir den Garten haben. Trotzdem muss ich gut aufpassen, die Zeit gut einzuteilen, die Kinder Kinder sein zu lassen und bei allem nicht durchzudrehen. Auch fünf entspannte Personen mit Haus und Garten können sich auf die Nerven gehen…

Einen schönen Text habe ich bekommen:

„Die aktuelle Angst „Was soll mein Kind machen?“ oder schlimmer „Wie soll ich mein Kind beschäftigen?“ ist das Ergebnis einer Gesellschaft, die total vergessen hat, das Kinder geschaffen wurden für diese Freiheit, die sie jetzt bekommen werden.
Mein Rat: 
Vertrau deinem Kind.
Akzeptiere Langeweile und lass dein Kind sich da durcharbeiten. (Es wird schwer vielleicht.)
Du musst dein Kind nicht bespaßen!
Das kindliche Spielen, das für Erwachsene so fremd ist, bringt normalerweise die allermeisten Vorteile!
Löse nicht jedes Problem für dein Kind.
Unterbrich‘ ihr Gestreite nicht. Lass sie verbale und soziale Tricks lernen. (Beiß‘ dir echt auf die Zunge!)
Nimm die Tatsache an, dass kindliches Spiel LERNEN ist und keine Zeitverschwendung.
Erwachsene, die das Kinderspiel dirigieren, verschwenden allerdings ihre Zeit und das kann schädlich sein, wenn man es übertreibt.
Keine Panik: Lasst sie spielen!“

Dienstag, 17. März 2020

Während ich das hier tippe, nehme ich per Zoom Call an einem Kirchen-Meeting teil. Das ist so cool. Endlich keine Babysitter-Probleme mehr.
Homeschooling: Okay.. ich hab mir das leichter vorgestellt.
Um 8:30 Uhr wollen wir frühstücken.. es wird 8:40 Uhr. Und danach fängt die Schule an. Die Kinder gehen eine Runde ums Haus und kommen dann „in die Schule“. Wir spielen das ein bißchen. Sie sind erst albern und aufgeregt und wir müssen den richtigen Platz erst finden. Sie lenken sich ab und brauchen Hilfe. Am Ende liegt der Große bäuchlings auf der Couch, der Mittlere sitzt im Garten und der Kleine schneidet und klebt auf dem Teppich. Wir entscheiden, für heute nur Mathe zu machen.
Als die Sonne in den Garten kommt, jage ich sie raus. Und das tut gut.
Mein Mann macht Milchreis zum Mittag. Ich kann während des Unterrichts nichts machen, wie mein Plan war. In der Mittagspause mache ich also Wäsche, räume auf und wasche meine Haare. Hat Vor- und Nachteile, das alles.
Der Wohnzimmertisch bleibt Schultisch. Sie sollen jederzeit gerne arbeiten können, wenn sie möchten. Wir sind viel draußen, am Nachmittag kommt Besuch. Wir sitzen auf der Decke und essen Milchreis. Die Hasen spielen, die Vögel zwitschern. Je weiter weg ich vom Internet bin, desto stiller wird alles. Aber die Meldungen kommen ja doch irgendwann. Ich mache mir keine Sorgen. Normalerweise bin ich in den Tagen zwischen den beiden Geburtstagen durchgedreht. Es ist ganz anders jetzt. Und ändern kann ich es ja doch nicht. Ich arbeite übrigens sehr sehr effektiv, wenn ich mir meine Zeit selbst einteilen kann. Aber ich lasse auch viel liegen. Diese Ungewissheit, diese Zeit und diese Abschottung macht mich irgendwie frei. Boom. Das war Tag 2.

Mittwoch, 18. März 2020

Heute starten wir besser. Beide Jungs arbeiten lange und konzentriert an ihren Aufgaben. Gegen 11:00 Uhr schicke ich sie in den Garten und kurz danach mache ich mich mit dem Mittleren auf dem Weg, ich habe einen Termin zum Plasma spenden. Die 3km laufen wir durch wunderschönen Sonnenschein. Es ist voll im Blutspendezentrum. Aber wie schön! Nachdem wir uns die Hände desinfiziert haben und unsere Temperatur gemessen wurde, dürfen wir das Haus betreten. Es dauert heut etwas länger als sonst, auf dem Rückweg gehen wir kurz zu dm und gegen 15:00 Uhr sind wir wieder zuhause. Ich fahre gleich weiter zur Kirche, um ein paar Sachen zu erledigen. Mein Mann spielt mit den Kindern im Garten. Sie treffen sich fast jeden Tag mit Nachbarn auf der Straße und fahren mit Roller und Fahrrädern. Später fahren wir kurz zum besten Freund des Sohnes, der heute 10 Jahre alt wird. Mal schnell ein Geschenk vorbei bringen. Es ist eher voller statt leerer auf den Straßen.. aber auf den Abstand wird doch geachtet. Mit meinen Kollegen denke ich darüber nach, was wir mit unseren fehlenden Arbeitsstunden im Kindergarten tun könnten. Die Unsicherheit ist überall spürbar, der Ernst der Lage eventuell noch nicht. Das Wetter ist toll und ich schaffe auch am Abend was im Garten. Die Kinder finden mehr Dinge, die ihnen Spaß machen. Ich liebe es, dass sie zu dritt lange im Garten umherstromern und einfach Kinder sind, die spielen. Ich kann viel schaffen, ich würde gern noch mehr schaffen – und ich frage mich, wie ich das jemals alles unter normalen Umständen hätte schaffen sollen. Das macht mich dankbar. Aber ich lese und sehe, wie andere Familien kämpfen – diese Zeit ist keine leichte.

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