Was stimmt, darf man sagen.

25. Oktober 2021

Heute ist ein Beitrag in meinem Kopf entstanden, den ich gar nicht wollte. Ich will darüber nicht schreiben. Aber… vielleicht irgendwie doch.

Wer uns kennt, weiß, dass unsere Kinder mit 3 Jahren bzw. 2 1/2 Jahren in den Kindergarten eingewöhnt wurden.
„Luxus!“
„Kann leider nicht jeder.“
„Ich könnte das nicht!“
„Ihr könnt euch das ja leisten!“

Nein. Konnten wir nicht. Wir haben es uns geleistet. Wir haben diese Entscheidung getroffen, lange bevor wir Kinder hatten und lange bevor wir wussten, wie unsere Finanzen zu der Zeit aussehen werden. Es war uns wichtig, dass unsere Kinder sprechen können, mit uns reden können, wenn sie in den Kindergarten gehen. Unsere Kinder wurden fast immer nach dem Mittag abgeholt. Und wir haben dafür verzichtet.
Aber es stimmt: Ich bin von Herzen gerne Hausfrau und stay-at-home-Mom und mir ist diese Entscheidung leicht gefallen. Ich hab es geliebt, mit den Kindern zuhause zu sein.

Es ist bekannt, wie umstritten diese Eingewöhnung um den 1. Geburtstag des Kindes ist. Es ist bekannt, wie sehr Eltern und Kinder unter dieser Entscheidung, unter diesem Druck, unter dieser Trennung leiden.

„Mein Kind ging von Anfang an sooo gerne in die Kita!“
„Mein Kind braucht die anderen Kinder.“

Ja – aber wenn du wirklich die Wahl gehabt hättest?
Was sagt die Stimme tief in dir drin?
Ich habe so viele Mamas im Laufe der Jahre kennengelernt und auch, wenn es den Kindern scheinbar wirklich leicht fällt, hätten die meisten Mamas die Elternzeit gern verlängert.

Wie gesagt, ihr wisst, wie ich dazu stehe und ich rede selten richtig offen darüber, weil ich weiß, wie schwer diese Entscheidung ist und wie viel sie kostet. Das hier ist meine Meinung.

****

Ich denke, dass sich Prioritäten in den letzten anderthalb Jahren verschoben haben. Auch davor schon: Immerhin gibt es Elternzeit für Väter und immer mehr neue Modelle für Familien. Aber die letzten Monate haben uns nochmal deutlich gezeigt, was am Ende wirklich zählt.. wenn es nur noch uns und unsere 4 Wände gibt. Von Seiten der Gesellschaft gibt es Druck und Unverständnis – von Seiten der Politik kaum Unterstützung oder Verständnis. Und ich feiere alle Familien, die sich trotz allem für die Familie, für Sicherheit und Geborgenheit, für Zeit zusammen, für raus aus dem Hamsterrad (Mamsterrad, wie ich neulich so treffend gelesen habe) entschieden haben! Man ist ja schon fast wie von einem anderen Stern, wenn man „Kita-frei“ erzieht. Ein Hoch auf euren Mut! Dahinter steckt eine große Entscheidung.

In meiner Mama-Gruppe der Kirche kommt die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt für die Eingewöhnung immer wieder – bedeutet dieser Zeitpunkt doch auch der Abschied aus dieser Gruppe. Ich höre die Geschichten dieser Mamas, ich höre ihre Sorgen und Fragen, ich höre, wie sie versuchen, zwischen Außenwelt und Bauchgefühl abzuwägen. Und am Ende sehe ich auch, wie sich so eine Eingewöhnung ziehen kann, wie belastend diese Zeit sein kann und wie schnell eine kleine Erkältung alles auf Anfang zurückwirft.

Vor ein paar Tagen habe ich ein Zitat von Jesper Juul gelesen: „Kindergärten wurden nicht für Kinder gemacht.“
Oh, das hat mich getroffen.

Überall im Internet kann man Interviews und Studien aus vielen Ländern aus vielen Jahren finden. (Beispiel) Und wir können es weit von uns weg halten und argumentieren: Bei uns ist das alles ganz anders. Meinem Kind geht es gut. Meine Kita ist toll.

Und ja, natürlich:
Es gibt wunderbare Kindergärten, zauberhafte ErzieherInnen, traumhafte Kontakte und vorbildliche Pädagogik.

Aber wenn eine dieser Spalten kippt.. wenn wir den ersten Kompromiss eingehen… wenn wir seufzen: Andere schaffen das doch auch irgendwie… wenn wir tapfer sein müssen…. wenn wir uns monatelang vor der Kita-Tür heimlich die Tränen abwischen und durch die Scheibe schielen, ob es unserem Kind gut geht… wenn wir morgens mit schlechtem Gewissen von der Kita weg eilen – und nachmittags mit schlechtem Gewissen von der Arbeit weg eilen… wenn wir uns erschrecken, wie kurz 12 Monate sind… wenn wir ganz viel „hätte, würde, könnte“ denken.
Ich schreibe das absichtlich ein bißchen so, dass es weh tut.
Mir tut das auch weh.

Ich arbeite in einem kleinen Kindergarten. Das ist ein kleiner, familiärer, christlicher, fast Heile-Welt-Kindergarten. Da ist die Welt in Ordnung. Ich werde ab morgen ein 3jähriges Kind eingewöhnen und habe die Familie letzte Woche zum Kaffee zum Kennenlernen eingeladen. Weil ich es kann und weil mir das wichtig ist.

Und ich beobachte aber meine Kolleginnen, die seit August 1jährige Kinder eingewöhnen und sich jedes Jahr tapfer durch diese hoch-emotionalen Monate kämpfen. Ich verbringe die Tage mit 2jährigen, 3jährigen, 4jährigen Kindern, die tagsüber immer wieder fragen: „Wann kommt meine Mama?“ Die am Fenster stehen und warten. Die lange brauchen, bis sie in der Gruppe angekommen sind. Und ich nehme sie (als relativ fremde oder nicht sehr nahe Person) in den Arm oder auf den Schoß und sage sowas wie: „Mama kommt bald. Mama kommt gleich. Mama kommt nach dem Mittagessen. Mama kommt am Nachmittag.“ In diesem Alter verstehen sie noch nicht, was das heißt. Sie wollen nicht abgelenkt werden. Sie wollen eben, dass Mama da ist.

Wenn ich ehrlich bin, fällt es mir schwer, damit umzugehen. Denn so, wie diese Kinder am liebsten zuhause bei ihrer Mama wären, wäre ich nämlich am liebsten zuhause bei meinen Kindern…
Was ist das für ein System?
Es fällt mir so schwer, Kinder am Morgen in Empfang zu nehmen, die sich nicht leicht trennen können. Wenn die Mama einen gequälten Gesichtsausdruck hat und ich auch am liebsten losheulen würde. Ich kann das nicht – und ich möchte das auch nicht lernen.

Ich möchte euch das so ehrlich und auch reißerisch sagen, weil das System eine 100%ige optimale Betreuung oder einen optimalen Zustand für Familien eben leider nicht möglich macht. In unserer Kita sind wir sehr gut mit Stunden ausgestattet – und trotzdem rutschen mir Kinder durch, sind traurig und warten auf Mama, obwohl ich so gern etwas dagegen tun würde.
Wenn die Eltern beim Abholen fragen: „Na, wie wars?“ … wie soll ich dann von 5-7 Stunden Kindergarten-Zeit für 10-15 Kinder berichten?
Soll ich die Eltern beruhigen oder ihnen die Wahrheit sagen? Will ich, dass sie sich Sorgen machen oder sich auf ihre Arbeit konzentrieren können? Es gibt 1-2 Eltern, die mir immer wieder sagen: „Wenn irgendwas nicht passt, dann komme ich. Ruf mich dann an!“
Aber die, die zur Arbeit eilen, um kurz vor Kita-Schluss das Kind einzusammeln.. was soll ich ihnen sagen?
Ich habe ein großes Herz und ich versuche, das Richtige zu tun – aber ich bin nicht die Mama.

Ein Kindergarten kann ein Zuhause nicht ersetzen!
Es riecht nicht wie Zuhause. Es ist laut, es ist voll. Da sind fremde Personen. Der Tagesablauf ist anders. Es gibt wenig Rückzugsorte. Es gibt emotionalen Stress. Es gibt Kummer. Mama und Papa sind nicht da.

Mir ist es schwer gefallen, meine Kinder einzugewöhnen. Meinen Kindern auch. Dann hörte ich von den Erzieherinnen: „Ja, mit 3 Jahren ist das schwerer. Mit einem Jahr geht das gut, da verstehen sie noch nicht so viel.“
Was ist das bitte für eine Argumentation?
Weil Kinder nicht verstehen, kann ich sie irgendwo lassen?
Weil mein Kind, das ich nachts vielleicht noch neben mir im Bett stille, nicht versteht, dass ich tagsüber arbeiten muss, kann ich es mit Nuckel und Kuscheltuch einer anderen Person in den Arm drücken und schnell aus dem Raum huschen?

Ich verstehe Argumente zum Sozial-Verhalten, zur Sprachförderung, zur Motorik und Integration.. ja, aber warum nicht mit 3 oder 4 Jahren in den Kindergarten?

****

Ich glaube fast nicht, dass es eingewöhnte Kinder unter 3 Jahren gibt, die das (und auch deren Eltern das) ohne Kompromisse und Sorgen über die Bühne gebracht haben. Wenn doch: Gut gemacht!

An alle anderen:
Ich möchte euch nicht mit dieser Last stehen lassen, obwohl ich jede Mama und jeden Papa ermutige, ehrliche Fragen zuzulassen.

Wenn ein Kind nicht zum 1. Geburtstag in die Kita soll, glaube ich, dass es immer einen Weg gibt! Die Frage ist: Was bin ich bereit zu bezahlen und auf was kann ich verzichten?
Kann ich emotionale Last mit einem sicheren Gehalt ausgleichen?
Kann ich mich zwischen meinem Lebensanspruch und dem Wohl-sein meines Kindes entscheiden?
Kann ich Schäden, Verluste, Dinge die ich bereue, später aushalten?
Kann ich mit Kompromissen leben?
Halte ich ein schlechtes Gewissen aus?

Vielleicht gibt es eine Tagesmutter mit kleineren Gruppen im familiären Umfeld in der Nähe?
Gibt es eine Freundin, mit der ich mich regelmäßig treffen kann, damit unsere Kinder zusammen spielen und ich mit einer erwachsenen Person reden kann?
Vielleicht kann ich meiner Freundin einmal die Kinder abnehmen – dafür betreut sie meins an einem anderen Tag?
Gibt es die Möglichkeit, ein bißchen von zuhause zu arbeiten oder staatliche Zuschüsse zu bekommen?
Gibt es eine Mama-Gruppe in der Nähe?

Mir ist die Decke auch auf den Kopf gefallen. Aber: Die Tage sind lang, doch die Jahre sind kurz.

Ich wünsche mir, dass jede Familie die richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt treffen kann.

Es heißt nicht:
Eine wohlhabende Mama ist eine bessere Mama.
Eine arbeitende Mama ist eine bessere Mama.
Eine Hausfrau-Mama ist eine bessere Mama.
Eine tapfere Mama ist eine besser Mama.

Es heißt:
Eine glückliche Mama ist eine bessere Mama!

Comments

  1. Elise Gonzalez says:

    Es ist sehr spannend diesen Artikel aus Schweizer Sicht zu lesen. Hier sind die Kitas sehr teuer. Ein Ganztag Kitabetreuung kostet ungerechnet ca. 470€, wenn das Kind die ganze Woche ganztags in Betreuung soll, kostet dies umgerechnet etwa 2300€. Je nach Kanton bekommt man einen Teil bezahlt, aber meist ziemlich wenig. Dazu kommt dass die Mütter 16 Wochen Mutterschaftsurlaub und die Väter 2 Wochen Vaterschaftsurlaub (erst seit diesem Jahr!) haben. Wie sieht das also bei uns aus mit der Betreuung? Theoretisch sollte frau nach 3 Monaten wieder arbeiten gehen, und ja die Kitas sind auch ab 3 Monate, aber wie gesagt sehr teuer und es hat auch nicht genug. Daher bleiben oft die Frauen zu Hause ohne Einkommen. Ich bin auch ein Jahr zu Hause geblieben und arbeite nun wieder Teilzeit, mein Mann auch und wir können uns momentan die Betreuung teilen. Das ist für uns super. Bei den meisten übernehmen die Grosseltern einen Teil der Betreuung oder man organisiert sich mit Freunden. Die wenigsten Kinder gehen Vollzeit in die Kita. Viele teilen sich so auf, dass das Kind 1-3 Tage in die Kita wird und den Rest von Eltern oder Grosseltern betreut wird. Mit 4 oder 5 Jahren kommen die Kinder hier in den Kindergarten, dieser gehört schon zur obligatorischen Schulzeit und ist daher kostenlos, aber es gibt keine flächendeckende Tagesbetreuung/Mittagstisch und wenn, kostet es wieder.
    Ich würde mein Kind auch nie den ganzen Tag in die Kita schicken wollen, finde es aber sehr schade, dass die meisten Familien gar keine Wahl haben. Wenn beide Eltern arbeiten wollen, ist das meistens teurer, als wenn jemand zu Hause bleibt. Ich finde dies schade und finde beide Modelle sollten möglich sein. Also eine Mischung aus Deutschland und der Schweiz 🙂
    So jetzt habe ich viel geschrieben und wollte einfach sagen, das es sehr interessant sind, wie die jeweiligen Systeme die Fragen die sich Familien stellen müssen beeinflussen…
    Gibt es in Deutschland auch die Möglichkeit die Kinder nur 1 oder 2 Tage in die Kita zu schicken? Oder ist es entweder ganztags oder halbtags und nichts dazwischen?

    1. Marit says:

      Danke für deinen Beitrag. Das ist ja total spannend!
      In Berlin bekommt jedes Kind einen Gutschein für den Kindergarten zur Geburt, wir bezahlen also nur das Essen und das sind ca. 30 Euro im Monat – egal, wie oft das Kind in der Kita ist. Also wir können es auch nur 1 oder 2 Tage bringen. Wie viele Stunden es bleiben darf, entscheidet der Job der Eltern. Da gibt es 5 oder 7 Stunden. Total spannend.

  2. Lisa says:

    Danke dir dass das endlich mal jemand schreibt!!!!!!!
    Man fühlt sich schon manchmal sehr anders, wenn man die Kinder nicht mit 1 abgeben will.
    Vor allem ist man dann ganz oft plötzlich alleine, wenn das alle anderen machen und auf einmal keine Zeit mehr haben sich zu treffen.
    Das Problem liegt auch oft im System: in unserem Kindergarten, der in unseren Augen echt gut ist, haben beispielsweise Geschwisterkinder immer Vorrang… super. ABER: Nur für die Krippe, denn alle Krippenkinder sollen ja in die Kindergartengruppen wechseln können. Dass das Geschwisterkind erst zum Kindergarten kommt machen sie nicht. Sprich wenn man nicht zwei verschiedene Kindergärten für 2 Kinder möchte,
    Sucht man zwangsläufig Kompromisse. Soweit so doof.
    Wir haben unsre beiden jeweils mit 2 in die Krippe gegeben. Beim Großen war das Quatsch, weil die kleine Schwester erst ein paar Monate alt war. Würde ich nie wieder nochmal so machen. Aber wir waren so froh über den Platz (5min zu Fuß, Montessori, super Konzept), dass das so am besten schien.
    War irgendwie ok, aber so richtig angekommen ist er erst als er mit 3,5 Jahren nach nem halben Jahr Pause (coron,Lockdown, Urlaub, Ferien) in den Kindergarten gewechselt ist.
    Dort gefällt es ihm jetzt super. Gott sei Dank!
    Und die kleine Schwester ist seit März in der Kinderkrippe, und es gefällt ihr Gott sei Dank vom ersten Tag an. Sie kannte das ja schon vom Bringen und Abholen des großen Bruders, der zuhause dann ja auch als Spielpartner gefehlt hat.
    Und ich muss gestehen: Die 3-4 freien Stunden am Vormittag sind für mich echt goldwert. Tatsächlich mal freie Zeit für mich. Luxus pur, den wir uns leisten können und auch wollen. Dafür bin ich sehr dankbar.
    Realistisch betrachtet sind die Kinder ja eh erst ab Kindergartenzeit mit 3 oder älter nicht mehr im 2 Wochen Rhythmus krank, so dass arbeiten Realistisch ist. Denn was nützt dir die beste Betreuung mit kranken Kindern. So viele „Kind-krank-Tage“ gibt’s ja nicht wie man meistens bräuchte.
    So. Genug gelabert 😉
    Danke noch mal für den Beitrag!!!!

    1. Marit says:

      Vielen Dank für deine Ehrlichkeit!
      Schön, dass du die freie Zeit genießen kannst. Es wäre schön, wenn die Kita-Zeit einfach für Eltern und Kinder gut passen würde.. wenn man so wählen könnte!

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