19. Januar 2026
Ich bin Erzieherin.
Meine Kinder gingen und gehen erst mit ca. 3 Jahren in den Kindergarten.
Ich arbeite nicht mehr in diesem Job.
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Mit diesem Beitrag hier habe ich schon einmal meine Meinung zur Fremdbetreuung geteilt.
An den Reaktionen habe ich gesehen, dass das Thema „Eingewöhnung“ viele Familien betrifft, bewegt und belastet. Dass Konsequenzen gezogen werden, wenn es geht. Doch der Schmerz und das Gewissen helfen leider noch nicht, die Situation zu verändern.. das System zu verändern.
Als Rezensionsexemplar lese ich gerade „Die Krippenlüge“ von Dr. Anke Ballmann und Claudija Stolz.
Bzw. ich versuche es. Es ist nicht leicht und die Worte tun mir beim Lesen sehr weh. Aber ich weiß, dass Wegschauen keine Lösung ist. Auch uns wird das Thema bald wieder beschäftigen. Wenn ich daran denke, dass Kinder im Alter unserer Tochter bereits seit 5 Monaten in den Kindergarten gehen, dann zieht sich mein Herz zusammen…
Nicht jede Erzieherin ist überlastet und nicht jede Kita ist pädagogisch wertlos.
Nicht jede Eingewöhnung richtet seelischen Schaden an und nicht jede Kinderseele wird belastet.
Das möchte ich immer dazu sagen.
Aber es sind zu viele!
Zu viele Kinder leiden wirklich. Und auch die Mamas, Papas, die Erzieher und Erzieherinnen und andere Kinder der Gruppe.
Zu viele Bindungen werden gestört.
Und mit einer gesunden / kaputten Bindung prägen wir unsere Gesellschaft über einen langen Zeitraum..
Ich möchte nicht aufhören, über dieses Thema zu schreiben.
Bis sich etwas ändert.
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(Gastbeitrag)
Ich bin Erzieherin und arbeite in der Krippe. Ich liebe meine Arbeit, ich liebe es, die Kinder kennenzulernen, zu sehen, wie sie wachsen, wie Freundschaften entstehen, mich mit ihnen auszutauschen, Stärken wahrzunehmen… mit meinem Beruf sind viele schöne Erlebnisse geknüpft, die mir regelmäßig ein Lächeln ins Gesicht zaubern.
So schön mein Beruf ist, ein negativer Beigeschmack bleibt: die Eingewöhnung.
Leider wird in unserer Gesellschaft wenig darüber gesprochen, was es bedeutet, sein Kind in eine Krippe zu stecken. Der Kita-Platz ist ab dem 1. Geburtstag garantiert und es wird fast schon erwartet, dass die Eltern wieder arbeiten gehen. Finanzielle Unterstützung gibt es bis maximal 2 Jahre nach der Geburt und selbst bei 2 Jahren ist der Betrag viel zu gering. Dazu kommt, dass selbst, wenn ein Elternteil mit dem Kind zu Hause bleibt, das andere Elternteil auf jeden Fall in Vollzeit arbeiten muss, um überhaupt finanziell über die Runden zu kommen. Über die Möglichkeit, die Kinder zu Hause zu betreuen, wird (besonders auch politisch) nicht gesprochen. Im Gegenteil, es ist fast schon verpönt, sein Kind zu Hause zu betreuen. Der Druck, dass (in den meisten Fällen) die Mütter wieder arbeiten gehen, besteht nicht nur von Arbeitgeberseite oder vom Staat, sondern auch unter den Eltern.
„Ich könnte das ja nicht“, „Ich brauche Zeit für mich“, „Ich möchte Karriere machen“, „Ich möchte nicht nur Mutter/Vater sein“.
Alles ein Stück weit verständlich. Ein Kind ist Arbeit. Ein Kind braucht viel Zuwendung. Aber bei all den Überlegungen… wo bleibt da das Kind?
Mir fällt auf, dass Eltern für ihre Kinder im 1. Lebensjahr alles tun. Sie versuchen, die Bedürfnisse des Kindes zu befriedigen und so viel da zu sein, wie möglich. Und dann auf einmal wird das Kind ein Jahr alt und es muss funktionieren. Es muss in die Kita. Es muss sich auf ein neues Umfeld, auf neue Räume, auf neue Menschen einstellen. Bisher wurde jede Situation mit Mama oder Papa gemeinsam gemeistert. Es wusste: „Mama und Papa sind da und helfen mir. Ich kann frei spielen, weil Mama und Papa passen auf.“ Und auf einmal wird es hineingeworfen in eine ihm völlig fremde Welt, da sind Fremde, bei denen es bleiben und getröstet werden soll und es weiß nicht, ob oder wann Mama und Papa wiederkommen.
Stellen Sie sich vor, Sie sind mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin in einem anderen Land unterwegs und werden von ihm oder ihr zu einer Party geschleppt. Sie kennen niemanden, verstehen die Sprache nicht, Sie kennen sich nicht aus, kennen die gängigen Gepflogenheiten nicht und Ihr Partner oder Ihre Partnerin sagt Ihnen, sie komme gleich wieder – was dann aber stundenlang dauert. Eventuell ist es so spät, dass Sie müde sind und schlafen möchten, haben aber nicht das gewohnte Bett, Ihr Partner/Ihre Partnerin ist nicht da, Sie machen sich Sorgen, haben vielleicht Angst, beklaut zu werden und wissen auch nicht, was sein wird, wenn Sie wieder aufwachen. Na, wie fühlt sich das an?
Ungefähr so geht es dem Kind, wenn es neu in die Kita kommt. Nach und nach lernt es das neue Umfeld, die anderen Personen und die Abläufe zwar kennen, aber es dauert. In den meisten Fällen mehr als zwei Wochen. Viel mehr. Mindestens 3 Monate.
Um einen entwicklungspsychologischen Hintergrund mitzugeben:
Kinder können erst ab etwa 18 Monaten verstehen, was es bedeutet, dass jemand weg geht und wieder kommt.
Kinder zwischen 18 und 24 Monaten entwickeln sich dahingehend, dass sie von einer anderen Person als der primären Bezugsperson (in der Regel die Person, die die meiste Zeit mit dem Kind verbringt) trösten lassen.
Kinder fangen erst ab etwa 30 Monaten an, ein gemeinsames Spiel zu entwickeln.
Wie müssen sich Kinder fühlen, die vor dieser Entwicklung in der Krippe betreut werden?
In meiner Einrichtung werden Kinder leider auch ab einem Jahr bereits betreut. Im vergangenen Kitajahr hatten wir zwei Einjährige zur Eingewöhnung da und in beiden Fällen war es monatelang nicht möglich, dass die Eltern den Raum verlassen. Sie haben angefangen zu weinen und man hat ihnen angemerkt, dass sie die Welt nicht mehr verstehen. Viele Kitas machen an diesem Punkt einfach weiter. Eine Freundin hat mir von 6 Schreikindern in ihrer Gruppe (19 Kinder zwischen 1 und 2 Jahren) erzählt. Dass ein Kind so lange schreit, ist für die Kinder, die ansonsten ihren Alltag in der Gruppe leben, nicht schön (insbesondere hochsensible Kinder reagieren panisch auf weinende Kinder) und erst recht nicht für die Kinder, die so weinen. Diese Kinder haben Todesangst, im wahrsten Sinne des Wortes. Sie denken, dass sie sterben müssen. Das Stress-Hormon Cortisol ist deutlich erhöht, was über einen längeren Zeitraum unangenehm und ungesund ist. Wir kennen das von uns selbst.
In unserer Kita weigern wir uns, panisch schreiende Kinder zu betreuen. Deshalb hat die Eingewöhnung der zwei Einjährigen so lange gedauert, bis sie selbst bereit waren dazu. Das hat sich ausgezeichnet durch freieres Spiel, Interaktion mit den Fachkräften, Interesse an Dingen und sprachliche Begleitung. In beiden Fällen war dieser Verhaltenswechsel nach ziemlich genau 18 Monaten zu spüren. Eine Offenheit bedeutet aber nicht, dass direkt alles immer wunderschön ist und auf einen Schlag alles funktioniert. Es kann nach wie vor sein, dass das Kind Rückfälle hat oder dass der Vormittag noch zu lang für das Kind ist. In kleinen Schritten kann die Zeit dann ausgeweitet werden.
Häufig passiert es während der Eingewöhnung auch, dass das Kind krank wird. Der Körper ist angestrengt, das Kind arbeitet und die Virenlast ist groß. Kinder, die krank sind, gehören nach Hause, ganz generell. Aber auch ein abklingender Infekt kann bedeuten, dass das Kind nicht dieselbe Leistung bringen kann, wie vor dem Infekt. Allerdings kommen manche, ganz gesunde Kinder, nach einem Infekt gestärkt wieder zurück in die Kita und machen riesige Entwicklungssprünge.
Im Vergleich zu vielen anderen Krippen ist meine Einrichtung sicher sehr betulich. Ich bin darüber persönlich sehr froh. Als Erzieherin in der Krippe bin ich temporär die Mutter für das Kind. Und gleichzeitig noch für die restlichen Kinder der Gruppe auch. Es ist absolut kein leichter Job und ja, ich habe ihn mir ausgesucht. Trotzdem kann ich das Zuhause und die echten Eltern nicht ersetzen. Ich kann dem Kind keine 1:1 Betreuung bieten, wie das zu Hause möglich ist und für das Kind teilweise auch nötig ist. Mein Wunsch ist es, dass der Staat und vor allem die Eltern erkennen, wie die Situation in den Krippen ist. Ich gebe mein Bestes, die Eltern zu ersetzen, manchmal ist es nicht genug.
„Liebe Eltern, überlegt euch, ob es wirklich unbedingt notwendig ist, dass das Kind in diesem Alter schon in die Krippe muss. Erkundigt euch nach anderen Möglichkeiten finanzieller Unterstützung. Sucht nach Alternativen, um Zeit für euch zu bekommen (z.B. Gruppen, Verwandtschaft, Patenschafts-Großeltern, Freunde, andere Eltern mit Kindern im selben Alter, bei denen das Kind sich wohl fühlt und mal zwei bis drei Stunden bleiben kann). Es gibt so viele Angebote inzwischen. Die Krippe sollte meiner Meinung nach die letzte Option sein.„