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Kreißsaal-Gedanken

auf 25. Oktober 2018

Die erste Woche vom Praktikum im Kreißsaal ist fast vorbei.

Mein Leben ist voll geworden.
Jeder Tag ist voll.
Mein Kopf ist voll.
Mein Herz ist voll.

Ich vernachlässige meine Kinder, aber sie haben Ferien und viel Zeit mit Papa.
Ich vernachlässige meinen Haushalt, wie noch nie! Aber am Dienstag habe ich 4 Stunden die Kinderzimmer aufgeräumt!
Ich vernachlässige meinen Garten – da war ich seit Tagen nicht! Möchte jemand Laub harken?
Ich vernachlässige meinen Mann, der mich so lieb unterstützt.
Ich vernachlässige Freundschaften.
Ich vernachlässige mein Internet-Leben. Das merkt ihr ja. Sogar die 1000 Fragen habe ich vergessen…
Ich versuche, meinen Schlaf nicht zu vernachlässigen! Seit Tagen versuche ich, früher ins Bett zu gehen und sei Tagen verlasse ich das Haus vor 6:00 Uhr.

Ich habe großen Respekt vor Müttern im Schichtdienst. Ich könnte das nicht! Und ich möchte das auch nicht. Bald ist es vorbei. Und ich bin noch viel mehr dankbar, dass ich „Hausfrau“ sein darf!

****

So… mit dem Inhalt meiner Gedanken könnte ich sofort ein dickes Buch füllen! Aber diese Gedanken sind nicht sortiert. Und nicht verarbeitet. Und nicht zuende gedacht.

Ich hätte nicht gedacht, dass dieses Praktikum so emotional aufwühlend ist. Und damit meine ich nicht, dass ich jedesmal vor Freude weinen könnte, wenn ein neues Baby geboren wurde… Ich kann gar nicht genau beschreiben, was es genau ist, das mich da so aufwühlt.

Teilweise darf ich nicht schreiben, was ich erlebt habe. Teilweise möchte ich das nicht. Ihr seid teilweise Mütter, teilweise auch nicht. Vielleicht wollt ihr noch Mutter werden. Vielleicht fandet ihr die Geburt eures Kindes wunderschön. Vielleicht auch nicht.

Ich habe viel gesehen und gehört und ich bin so dankbar dafür!
Ich hab schöne Geburten erlebt.
Es gibt wirklich nicht vieles auf der Welt, das schöner und besonderer ist, als die Geburt eines Babys! Nein, …vielleicht ist es sogar das Schönste auf der Welt!

Und:
Ich habe daran gezweifelt, Doula zu werden. Oh ja. Es gibt Erlebnisse der letzten Tage, die ich lange, lange nicht losgeworden bin. Es gab Momente, in denen ich mich hinsetzen oder den Raum verlassen musste, weil mir sonst schlecht geworden wäre. Es gab Momente, in denen ich meine Tränen wegblinzeln musste. Ich habe merkwürdige und verletzende Reaktionen auf den Satz „Ich werde Doula.“ zurück bekommen. Und ich habe mich gefragt, ob meine schöne Baby-Theorie nicht nicht weiter von der Praxis entfernt ist, als ich befürchtet habe.

Es gibt Hebammen und Krankenschwestern, die sich Zeit nehmen, die liebevoll und einfühlsam sind und die eine Geburt als das behandeln, was sie ist: Das Wunder des Lebens!

Aber leider ist der Alltag wenig wunder-voll.

Ja, ich weiß.. ich bin neu in dem Bereich und nicht umsonst gibt es so viele Dokus und Serien über den Krankenhaus-Alltag. Das ist eben speziell und für einen Neuling kann das ein ganz schöner Schock sein.
Ich weiß, dass Hebammen und Ärzte gesucht werden und dass es große Probleme im deutschen Gesundheitswesen gibt. Oh ja. Ich sehe, wie die Schreib-Arbeit immer mehr wird und die Arbeit am Mensch wegfällt. Ich sehe, wie gemein und autoritär Kollegen sein können.. die vielleicht auch einfach nur überfordert und enttäuscht sind.
Ich sehe, wie die katastrophalen Zustände eine Last auf den Schultern des Personals sind. Und wie „oben“ Entscheidungen getroffen werden, mit denen man „unten“ dann einfach leben muss. Und die Fröhlichkeit leidet. Das Gehalt leidet. Und die Gesundheit leidet.

Ich möchte wirklich nicht, dass du dich persönlich angegriffen fühlst, wenn du im Krankenhaus arbeitest! Vielleicht bist du Hebamme oder Geburtshelfer? Ich würde mich über dein Statement freuen!

Ja, es sind bis jetzt nur 4 Tage in einem Krankenhaus, die ich erlebt habe. Aber ich würde leider behaupten, woanders ist es ähnlich…

****

Diese Hebammen, mit denen ich zusammen arbeite, haben so viel Erfahrung! Sie haben über 1000 Entbindungen begleitet und arbeiten länger im Kreißsaal, als ich alt bin.
Sie können Risiken einschätzen.
Sie können die Dauer der Geburt einschätzen.
Sie können anhand von Geräuschen schon Diagnosen stellen.

Sie erleben in dem Kreißsaal ungefähr knapp 500 Geburten im Jahr. Und es gibt Tage, an denen stundenlang nichts (NICHTS!) passiert. Das habe ich auch erlebt.
Eine Hebamme hat allein Dienst und aller Wahrscheinlichkeit nach kann sie die Gebärende allein betreuen. Jeder Handgriff sitzt. Sie kennen blind den Inhalt der 20 Schranktüren.

Als ich neben diesen Frauen stand, die absolut sicher ihren Job machen und sich weder von Geräuschen noch Gerüchen, nicht von nervösen Vätern, nicht von Wind und Wetter ablenken lassen, dachte ich: Hier werden keine Doulas gebraucht.

Aber… fast an jedem Tag kommen Eltern in den Kreißsaal, die zum ersten und vielleicht einzigen Mal ein Baby bekommen! Sie haben Sorge. Und Ängste. Und Fragen. Und Schmerzen.

Warum können wir sie nicht so einzigartig behandeln?

Natürlich ging es schon 1000 Frauen vor ihnen so!
Und natürlich werden auch sie das überleben!
Und natürlich wird das Kind irgendwie da raus kommen.
Aber das ist es nicht, was sie unter der Geburt hören wollen!

Und sie wollen auch nicht hören:
„Das macht man eben so.“
„Dafür hab ich jetzt keine Zeit.“
„Das ist mir zu unbequem.“
„Damit kenne ich mich nicht aus.“
„Daran kann ich jetzt auch nichts ändern.“

In Gesprächen mit Hebammen habe ich habe diese Sätze gehört:

Der Kreißsaal ist mir zu eng. – Auf eine Wannengeburt hab ich keine Lust. – Das machen eben die meisten so. – Das ging jetzt nicht ohne Wehenmittel. – Wenn die Frau Angst hat, braucht sie eben mehr Schmerzmittel. – Beckenendlage kann nicht spontan geboren werden. – Ich kann ihr das Stillen jetzt nicht zeigen, die muss jetzt einfach warten. – Wir müssen die Frauen führen.

Und meine Meinung ist:
Das darf nicht nur ein Job sein!
Das darf keine Fließband-Arbeit werden.
Wir dürfen nicht abstumpfen.

„Jahaha“, lachen die müden, überarbeiteten, finanziell unter Druck gesetzten, in die Enge gedrängten Hebammen. Und ich glaube euch! Und es tut mir so leid!
Für euch. Und für die Schwangeren.

Aber, ich bin mal mutig und sage:
Wir Doulas können helfen!
Je mehr ich von Geburt lerne, desto sicherer bin ich mir.

Wir wollen nicht:

– den Hebammen die Arbeit klauen
– die Hebammen kontrollieren
– uns mit fremden Federn schmücken
– die neuen Heldinnen sein
– die Hebammen als kaltherzig darstellen
– möglichst viele frische Babys sehen

Ich bin überzeugt:

Eine Frau, die unter der Geburt nicht allein gelassen wird,
die ermutigt wird, die gelobt und bestärkt wird,
die angefeuert und bewundert wird,
die in ihren Schmerzen ernst genommen wird,
die diese einzigartigen Momente sicher und frei fühlen und erleben darf,
die sich frei bewegen darf,
die selbst bestimmen darf,
die allein Entscheidungen treffen darf,

… diese Frau wird ein erfolgreiches Geburtserlebnis haben!

****

Ich weiß nicht, ob du verstehst, was ich meine.
Vielleicht geht es dir wie mir und du hattest schöne Geburten mit guter Begleitung. Dann herzlichen Glückwunsch!

Vielleicht bist du enttäuscht von deinem Geburtserlebnis und ich wühle mit dem Finger in deiner Wunde. Das tut mir leid! Vielleicht können wir darüber reden.

Vielleicht spürst du meine Leidenschaft und meine Gedanken hinter der Doula-Geschichte. Wenn du denkst, dass ich eine Hilfe sein kann, empfehl mich gerne weiter.
Ich kann nicht versichern, dass die Geburt mit einer Doula-Begleitung sicher, schmerzfrei und erfolgreich ausgeht. Aber ich bin mir sicher, dass die Frau stolz und voller Kraft diesen Moment erleben kann.

Es ist nicht egal, wie wir geboren werden!


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